Was ist Liebe?
In der Frühoper von Wolfgang Amadeus Mozart „Die Gärtnerin aus Liebe“ sind sieben Figuren auf der Bühne, die sich durch Gesang und Sprechtexte mit dem Thema Liebe auseinandersetzen. Was auf den ersten Blick wie eine typische, opern-esque Verwechslungskomödie erscheint, entwickelt sich im Laufe des Stückes zu einem Spiel mit historischen Konzepten romantischer Liebe. Diese gehen nicht selten mit Aspekten von Gewalt und extremen Gefühlen einher. Liebe ist ein Bindeglied zwischen Menschen und fungiert als Motivator der Figuren innerhalb der Handlung. Darüber hinaus wird diese starke Emotion, wie der Titel der Oper schon andeutet, selbst zum Gegenstand eines dramaturgischen Diskurses. Diese Oper regt dazu an, aus heutiger Perspektive erneut über die „Liebe“ als existenzielles Konzept nachzudenken und ihre Bedeutung im gesellschaftlichen Kontext zu reflektieren.
Über die Liebe nachzudenken ist kein modernes Phänomen. Sie ist bereits seit jeher ein beliebtes Thema in Poesie, Philosophie, Kunst und im Erzählen von Geschichten. Man denke an die Gedichte und Geschichten von Goethe, Baudelaire, Rilke, Homer, Shakespeare, Jane Austen, wie auch die Schwestern Emily und Charlotte Brontë. Denn Liebe prägt, wie wir miteinander sprechen, einander fühlen, hören und berühren. Sie bildet den Kern einer Geschlechterhierarchie, die auf den irrtümlichen Annahmen basiert, es gäbe „nur“ zwei Geschlechter, und „Liebe“ könne, pauschalisiert, nur zwischen einem Mann und einer Frau existieren. Alles bewegt sich dabei innerhalb der herkömmlichen Vorstellung von Familie. Andere Formen von Liebe lassen diese traditionellen Überlegungen nicht zu. Heute denken wir über ihre Bedeutung und Potenzial weitaus größer und inklusiver nach. Neben „romantischer“ Liebe kann nämlich auch familiäre oder freund*innenschaftliche Liebe existieren, außerhalb von gesellschaftlichen Zwängen von Monogamie, sexuellen Komponenten oder Fortpflanzung.
Falls Sie Lust haben: Ein Essay über genau diese zwischenmenschlichen Beziehungen, abseits von Monogamie und Heteronormativität können Sie ebenfalls in unserem Online-Magazin finden – „Zungenküsse statt Schulterklopfen“, von Lena Plumpe.
Romantisierung und Projektion
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Heteronormativität romantischer Liebe und unser Umgang mit ihr ein großes systematisches Problem aufweisen: Ihre extreme Romantisierung. Deshalb ist es wichtig sie explizit als „romantische“ Liebe zu benennen. Denn als Motivator menschlichen Handelns steht romantische Liebe oft in Verbindung mit Akten von Gewalt. Gewalt, die durch Aspekte von Besitz, Eifersucht und Macht innerhalb historischer Geschlechterrollen ausgelöst wird. Nicht zufällig richtet sich diese in unserer Geschichte und Gegenwart mit bemerkenswerter Häufigkeit gegen Frauen. Oft ist es „Leidenschaft“, „Passion“, oder auch die Annahme, dass man sich ihrer Kraft nicht widersetzen kann. Sie erscheint als ein Gefühl, das Männer mit Obsession erfüllt. Nichts kann dieses Feuer löschen, nicht einmal der alleinige oder gemeinsame Tod. Die Romantisierung der Gewalt gegen Frauen ist bis heute ein weltweites Problem, und hat ihren Ursprung in diesen tradierten Vorstellungen von Liebe und den Rollenbildern, die durch patriarchale Strukturen geprägt sind.
Was ist sie?
Dass sich diese romantische Liebe zwischen Gewalt- und Machtgefügen bewegt und damit ein Problem für unser heutiges Zusammenleben darstellt, muss ich nicht weiter betonen. Vielmehr gilt es auch heute noch, genau diese Aspekte der gewalttätigen Vergangenheit von Liebe, Gesellschaft, Politik und menschlichem Dasein zu erkennen und zu verarbeiten. Wir müssen zurecht immer wieder dieselbe Frage stellen. Es ist eine scheinbar einfache, zugleich aber äußerst zentrale Frage für ein zukünftiges gewaltfreies Zusammenleben: Was ist Liebe?
Hier kann ich keine direkte Antwort liefern, da dies womöglich den Umfang eines oder mehrerer Science-Fiction Romane benötigen würde. Ich möchte lediglich die Bedeutung dieser Frage in unserem heutigen Diskurs über Gesellschaft, Politik und Theater in den Raum werfen sowie einige zeitgenössische Ansätze benennen. Damit wir alle darüber nachdenken können/sollen was die Liebe ist, was sie mit uns macht und besonders – Wie wir einander heute neu lieben lernen! Speziell dann, wenn wir den kommenden Generationen und unseren Mitmenschen einen respektvollen und „zärtlichen“ Umgang miteinander vermitteln wollen. Dennoch schwingen stets alte Liebeserzählungen mit. Wir alle kennen Erzählungen, in denen die romantische Liebe als kraftvolles Naturereignis beschrieben wird, als Kampf, Krieg, Schmerz, Hölle, oder Drama, als ein Zwischenraum von Leben und Tod. Dramen wie Romeo und Julia werden noch immer in unseren Schulen gelehrt, wo das Bild romantischer Liebe zwischen zwei jungen Menschen im Tod beider endet. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass der Wille die „romantische Liebe“ neu zu denken, neu zu lernen, eng damit verbunden ist, welche Geschichten wir erzählen und wie wir sie erzählen.
Hinzu kommt der sogenannte „Male Gaze“, der in unserer nach wie vor patriarchal geprägten Gesellschaft solche Geschlechterideale und sexistischen Geschichten hervorbringt und reproduziert. Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt thematisiert den „Male-Gaze“ in ihrem Buch „A Woman Looking at Men Looking at Women. Essays on Art, Sex, and the Mind“ Darin beschreibt sie wie der männliche Blick in der Kunst- und Kulturgeschichte als Grundlage der gegenseitigen Betrachtung dient. Vor allem in der Kunst ist die Darstellung der Frau ein gängiges Motiv männlicher Künstler. Die Art und Weise, wie Frauen und ihre Körper dort immer wieder objektifiziert, sexualisiert, fetischisiert, romantisiert und mit verschiedener Symbolik belegt werden, entsteht dominierend aus einer männlichen Perspektive. Dies steht in engem Zusammenhang mit der Projektion von Schönheitsidealen, sowie bestimmten Vorstellungen von Liebe und Romantik, die sich in der Kunst widerspiegeln.
Lösung: „Zärtlichkeit“
Die Journalistin und Autorin Şeyda Kurt spricht in ihrem Buch „Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist“ genau über dieses Neudenken gesellschaftlicher Konzepte von Liebe und menschlichem Zusammensein. Sie beschreibt die historisch reproduzierten Liebesvorstellungen als Produkt heteronormativer, sexistischer, rassistischer, kolonialer und kapitalistischer Machtgefüge. Diese Gefüge beeinflussen unser Handeln sowie die Art wie wir einander sehen, fühlen und miteinander sprechen. Wenn wir Liebe als ein solches patriarchales Konzept erkennen, können wir ihr machtvolles Wirken auf Körper, Geschlecht, Herkunft und Sprache benennen, kritisch hinterfragen und umschreiben. Schon der Titel des Buches ist ausschlaggebend.
Der Begriff der „Zärtlichkeit“ wirkt für Kurt wie eine Art Antithese zur romantisierten Gewalt. Die „Zärtlichkeit“ bringt im Unterschied zur romantischen Liebe eine direkte Anweisung des Handelns mit sich. Kurt schreibt: „Es geht um ein Handeln, das einem anderen Menschen zuspielt, mit ihm spielt, bejahend und produktiv, ohne ihm schaden zu wollen.“ Sie impliziert Sanftheit und einen respektvollen Umgang miteinander. Anstatt weiterhin das aufgeladene Wort „Liebe“ zu verwenden, stellt „Zärtlichkeit“ hier u. a. eine mögliche Alternative dar.
Die Extreme die Kurt hier durch das Wort „Radikalität“ verwendet, funktioniert allerdings als Verstärkung dieser Anti-Gewalt-Haltung. Diese Sanftheit als Regelbuch eines neuen Miteinanders ist vielleicht die einzige Extreme, die Liebe zulassen sollte. Der Aspekt des „Politischen“ stößt dabei auf dieselbe Frage, wieso Theater „immer politisch sein müsse“. Wenn jedoch romantische Liebe unverkennbar mit Spannungsverhältnissen zwischen Macht, Herkunft und Kultur verbunden ist, erscheint die Aussage, dass „Liebe politisch ist“, nahezu selbsterklärend. Ebenso, wie unsere Hautfarbe, unser Aussehen, unser Geschlecht, unsere Sprache in unserem Alltag politisches Gewicht hat, ist auch die Liebe als Kern unseres Daseins politisch. Kurt möchte hier trotz Komplexität und Vorbelastung des Begriffs „Liebe“ im zwischenmenschlichen Verhältnis nicht auf ihre Bedeutung für uns verzichten. Jede Person sehnt sich nach Zuneigung und Mitgefühl, auch wenn es nicht notwendigerweise von sexueller Natur ist, oder in einer monogamen Beziehung zwischen Mann und Frau stattfindet.
Ihr Konzept der „Radikalen Zärtlichkeit“ öffnet die herkömmlichen Vorstellungen romantischer Liebe und richtet den Blick auf ein diverseres Zusammensein, anstatt auf tradierte Geschlechterverhältnisse und Rollenbilder als Norm zu plädieren. Gleichzeitig sind es die Aspekte von Binarität und Dualismus, die immer wieder das Verhältnis von Dingen vorgeben wollen. Es gibt entweder das eine oder das andere. Für Şeyda Kurt ist „Identität ist dann nichts, das sich wandeln und widersprechen kann. Wenn ich nicht Mann bin, muss ich Frau sein. Daraus folgt: Jenseits dieser Binarität habe ich in diesem Denksystem keine Daseinsberechtigung.“
Sprache ist hier der Schlüssel. Wie Şeyda Kurt in ihrem Buch schon vorschlägt, ist es das Sprechen über die Liebe, das die größte Kraft besitzt. Anstatt immerwährend in männlich geprägten Vorstellungen, Projektionen, Idealen, Philosophien und Narrativen von romantisierter Gewalt zu verharren, erhalten wir durch das Weiterentwickeln von Sprache das Potenzial für ein inklusives Zusammensein. Begriffe wie „Zärtlichkeit“ fördern neues Denken und neues Handeln und geben der Liebe in ihrer Komplexität und Wandelbarkeit eine wundersame Schönheit.
Literaturempfehlungen:
Şeyda Kurt: „Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist“, 2025
bell hooks: „alles über liebe. NEUE SICHTWEISEN“, 2021
Siri Hustvedt: „A Woman Looking at Men Looking at Women. Essays on Art, Sex, and the Mind“, 2019