Zungenküsse statt Schulterklopfen
Zwei Frauen lernen sich beim Sport kennen, verabreden sich in den Zoo zu gehen und zum Pizza essen. Sie verbringen immer mehr Zeit miteinander, teilen ihre Geheimnisse, Sorgen und erzählen sich Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Und irgendwann kommt es dann sogar zu einem Kuss. Jetzt könnte man davon ausgehen, da entwickelt sich eine romantische und sexuelle Beziehung zwischen den beiden. Aber sie nennen es eine „Heartship“, angelehnt an „Friendship“, das englische Wort für Freundschaft. Ob die beiden sich als lesbisch, hetero, bi oder einfach experimentierfreudig verstehen, bleibt dabei offen. Stattdessen fragt sich die eine: „Wieso können Zungenküsse nicht die liebevolle, zärtliche Antwort der Frauen auf bromäßiges Schulterklopfen sein?“. Labels scheinen sie wenig zu interessieren, obwohl sie für Beziehungen viele kennen:
ANN Friends with benefits.
SARA Situationship.
ANN Offene Beziehung. Oder polyamourös.
SARA Mit primary, secondary, dritte, vierte, fünfte, sechste, siebte.
ANN Ehe.
SARA Oh, Gott, ja, wann wird die Ehe endlich abgetrieben?!
ANN Hm?
SARA Egal. Casual Sex.
ANN Romanze.
SARA Polyfidelity.
ANN Affäre. Seitensprung.
Wie diese Aufzählung zeigt, gibt es viele Möglichkeiten eine körperlich intime Beziehung zu benennen. Dennoch sind diese vielfältigen Beziehungsformen weiterhin von den Prinzipien der „Heteronormativität“ geprägt. Dieser Begriff geht auf den US-amerikanischen Soziologen Michael Warner zurück, der damit aufzeigen wollte, dass die Gesellschaft davon ausgeht, dass es zwei Geschlechter gibt, die einander begehren. Die Praxis dieser Annahme drückt sich am stärksten durch die Ehe aus. Was vor hunderten Jahren den sexuellen Kontakt sanktionierte und für klare Erbschaftsverhältnisse sorgte, hat sich vor allem in den letzten 70 Jahren deutlich liberalisiert. Dennoch ist die Ehe weiterhin eine zivilrechtliche Institution, die juristische Fragen zu Besitz, Erbe, Pflege, Kindern automatisch beantwortet. Das zeigte sich deutlich in der Coronapandemie. In dieser Zeit war aus Infektionsschutzmaßnahmen der Kontakt häufig auf den eigenen Haushalt beschränkt, woraus nicht direkt auf eine Ehe zu schließen ist. Jedoch wurde zu Feiertagen sowie Todesfällen oder Krankenhausbesuchen nur biologisch verwandte Menschen zugelassen. Damit wurden Wahlverwandtschaften, die vor allem häufig für queere Menschen relevant sind, von solchen Ereignissen ausgeschlossen. Und die Prinzipien der Heteronormativität über andere Beziehungsformen erhoben.
Doch wie die Aufzählung oben zeigt, sind körperliche und emotionale Intimität heutzutage nicht mehr ausschließlich an eine heteronormative Partnerschaft gebunden. Der Autor Ole Liebl ist Fragen nach „anderen“ Beziehungsformen in seinem Buch „Freunde lieben. Die Revolte in unseren engsten Beziehungen“ nachgegangen. Er schreibt darin: „Lust ohne Liebe ist ebenso möglich wie Liebe ohne Lust.“ Liebe existiere ja nicht nur im romantisch-sexuellen Kontext, sondern auch gegenüber Freund*innen und Familie. Laut einer Umfrage erleben vor allem junge Menschen sogar ein Gefühl des Verknallt-seins immer häufiger auch gegenüber neuen Freund*innen. Der englische Ausdruck „falling in love“ lässt sich dann zu „falling in friendship“ abwandeln.
Wenn man sich in Freund*innen verknallen, sie ebenso lieben kann wie den*die eigene*n Partner*in und auch mit seinen Freund*innen schläft, manche würden das „Friends with Benefits“ nennen. Was ist dann der Unterschied zwischen den Beziehungen? Liebl erklärt, dass die Liebe an sich das gleiche Gefühl sei, aber in unterschiedlichen Kontexten verschieden bewertet, eingeordnet wird. Daraus ergeben sich unterschiedliche Verhaltensweisen, Ansprüche und Handlungsroutinen. Es handelt sich also um individuelle Erfahrungen und Erlebnisse, die sich nicht über einen Kamm scheren lassen. Liebl geht dann sogar noch einen Schritt weiter und fragt sich und seine Leser*innen: Wenn es möglich ist, sich in Freund*innen zu verknallen, sie zu lieben und körperlich intim mit ihnen zu werden, spielt das Geschlecht dann überhaupt noch eine Rolle? Schließlich sei die sexuelle Orientierung eben nur das: eine Richtungsanzeige, kein starres Gerüst.
Wenn man dieser Argumentation folgt, wird die Frage nach den Labels von Sara und Ann nichtig. Ihre Heartship beinhaltet sicherlich die freundschaftliche Liebe, die Ole Liebl als existent deklariert. Ein Kuss findet im Stücktext statt, und die Frage, ob sie miteinander schlafen wollen, wird zumindest benannt. Man könnte es also als „Friends with Benefits“, „Freundschaft plus“ oder „sexuelle Freundschaft“ bezeichnen. Die beiden Figuren verwehren sich jedoch solchen expliziten Bezeichnungen und bleiben bei der Poesie. In der Eigenbezeichnung ihrer Beziehung steckt dabei nicht nur der Verweis auf Freundschaft, sondern auch auf die Kneipe, in der Sara regelmäßig auftritt und schließlich auch Ann dazu bewegt, dort auf der Bühne ihrer Wut Luft zu machen.
Auch wenn es Labels nicht bedarf, haben sie doch auch ihre Daseinsberechtigung. Denn sie schaffen eine Abgrenzung von der Heteronormativität der Mehrheitsgesellschaft und können damit zwar zu Isolation und Diskriminierung führen. Doch sie ermöglichen auch Sichtbarkeit und dadurch die Chance Gleichgesinnte, Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu finden. Und da wir noch nicht an dem Punkt sind, dass wirklich alle Menschen frei lieben können, wen sie möchten, braucht es laut der Autorin Louise Morel in ihrem Buch "Lesbisch werden in zehn Schritten" eine Sprache dafür. Es hat somit auch eine politische Komponente wie man die eigene Identität und Beziehungen betitelt. Die Autorin Kübra Gümüşay beginnt ihr Buch „Sprache und Sein“ mit der Frage: „Was war zuerst da: unsere Sprache oder unsere Wahrnehmung?“ Können wir nur benennen, was wir kennen? Oder macht ein Begriff, den wir vorher nicht kannten, auch neue Wahrnehmungsmuster und im Weiteren sogar eine ganz neue Weltsicht auf?
Sprache ist Macht. Etwas benennen zu können hilft, es zu begreifen und damit umzugehen. Solange gesellschaftliche Normen weiterhin bestimmen, welche Beziehungen sichtbar und anerkannt sind, bleibt Sprache ein zentrales Werkzeug. Sie kann ausgrenzen, aber auch Räume schaffen. Begriffe wie „Heartship“ sind deshalb mehr als Spielerei: Sie sind ein Versuch, sich den engen Kategorien der Heteronormativität zu entziehen und neue Formen von Nähe denkbar zu machen.
Heartship
Schauspiel von Caren Jeß
Premiere am Freitag, 1. Mai 2026, 18:00 Uhr | Kleines Haus
17:30 Einführung im Foyer,
im Anschluss öffentliche Premierenfeier im Foyer Kleines Haus
Weitere Vorstellung am 14.5., 24.5., 30.5.