„Martha“ bringt Farbe ins Haus
Die Leiterin des Musiktheaters Ute M. Engelhardt über die konzertante Aufführung und ‚Opern-Appetizer‘ „Martha“
Wir zeigen Friedrich von Flotows „Martha“ von einer Seite, die man so eher selten erlebt: als Opern-Appetizer mit Augenzwinkern, mit Nähe und mit überraschend viel Theater im Konzert.
Mich reizt an „Martha“ vor allem ihr musikalischer Charme. Flotow schreibt Melodien, die sich scheinbar mühelos ins Ohr legen, große Duette voller Wärme, Ensembles mit Witz und Tempo. Diese Musik trägt eine Leichtigkeit in sich, die sofort Bilder entstehen lässt: ländliche Feste, Verkleidungsspiele, heimliche Gefühle. Gerade konzertant tritt diese erzählerische Qualität besonders klar hervor – die Stimmen allein lassen ganze Szenen entstehen.
Wiederentdeckung mit Strahlkraft
„Martha“ gehörte einst zu den meistgespielten Opern Europas. Sie war ein internationaler Publikumserfolg, heute ist sie seltener auf den Spielplänen zu finden. Gerade diese zeitliche Distanz macht die Begegnung für mich spannend: als Wiederentdeckung einer Musik, die nichts von ihrer Strahlkraft verloren hat. Und sie trifft in unserem Haus auf ideale Voraussetzungen: Wir haben für diese Oper die passenden Stimmen im Ensemble.
Das perfekte Ensemble
In der Titelpartie steht Julia Araujo, deren Sopran von der Presse immer wieder für seine enorme stimmliche Ausstrahlung und die Verbindung aus Virtuosität und emotionaler Tiefe hervorgehoben wird. Ihre Fähigkeit, lyrische Linien mit dramatischem Kern zu verbinden, macht sie zur idealen Martha. An ihrer Seite formiert sich mit Ferdinand Keller, Tomi Wendt und Clarke Ruth ein Ensembletrio, das den Abend in besonderer Weise trägt: Keller als junger deutscher Tenor mit vielversprechender künstlerischer Perspektive, Wendt mit ausgeprägter komödiantischer Begabung und enormer Spielfreude, und Ruth als flexibler Bass, dessen klangliche Präzision seit Jahren eine tragende Stütze des Hauses bildet. Als Nancy ergänzt Julia Rutiglianodas Ensemble – vielen unserer Gäste im Musiktheater noch eindrücklich in Erinnerung als Azucena in unserem „Il Trovatore“: eine Stimme von großer Intensität und zugleich eindrucksvoller Bühnenpräsenz.
Konzertant – aber mit Kostüm und Maske
Gerade in der konzertanten Form, in der jede Stimme unverstellt hörbar wird, entfaltet dieses gewachsene Zusammenspiel seine besondere Wirkung. Und doch entsteht an diesem Abend mehr als ein reines Konzert. Neu ist in diesem Jahr, dass unsere Sängerinnen und Sänger in Kostüm und Maske auftreten. Die Figuren bekommen Kontur, Farbe, Haltung – eine visuelle Ebene, die Lust macht, genauer hinzuschauen, ohne den Fokus von der Musik zu nehmen. Aus dem Konzert wird ein erzählender Raum.
Eine zusätzliche Ebene bringt Ben Janssen als Conférencier ins Spiel: Er führt durch den Abend, verbindet die musikalischen Nummern, erzählt, kommentiert und öffnet Zugänge zur Handlung. Viele unserer Gäste im Musiktheater erinnern sich an seine Auftritte in „Gefährliche Operette“, wo er mit feinem Timing und großer Spielfreude beinahe zum heimlichen Star des Abends wurde. An diese Energie knüpft er mit Witz, Charme und einem genauen Gespür für den Moment an.
Warum also „Martha“ – und warum konzertant?
Weil mich an dieser Form interessiert, wie nah Oper rücken kann. Unsere Solistinnen und Solisten singen auf dem hochgefahrenen Orchestergraben nur einen Schritt vom Publikum entfernt. Weil ich Oper liebe und leidenschaftlich gerne Regisseurin bin und für mich Oper erst in der Bewegung lebendig wird, gibt es keine Notenständer als Barriere zwischen Sängerinnen, Sängern und Publikum. Diese Nähe verändert die Wahrnehmung: Man sieht und spürt intensiver als sonst das Lächeln vor einem Einsatz, den Atem vor einer Phrase, das kurze Innehalten vor einem hohen Ton.
So sehr ich es liebe, den ganz großen Opernapparat zu bespielen, so sehr reizt es mich auch, eine konzertante Oper mit gerade so wenigen Mitteln wie möglich zum Leben zu erwecken. Manchmal braucht es nur wenige Pinselstriche und doch entsteht ein unheimlich schönes Gemälde. Genau so empfinde ich diese „Martha“. Gleichzeitig erlaubt die konzertante Form einen bewussten Blick auf das Werk selbst. Die gesellschaftlichen Bilder des Librettos stammen aus einer anderen Epoche – ihre Musik hingegen spricht unmittelbar zu uns. In dieser Reduktion kann beides nebeneinander stehen: historische Distanz und musikalische Gegenwärtigkeit.
„Martha“ bringt Farbe ins Haus
So versteht sich diese„Martha“ als Einladung in beide Richtungen: für Opernerfahrene, die Nähe und neue Blickwinkel suchen, und für Neugierige, die einen leichten, humorvollen Zugang finden möchten. Und vielleicht passt genau das in diesen Februar. Wenn draußen Grautöne dominieren, bringt „Martha“ Farbe ins Haus – leicht, verspielt und voller musikalischer Wärme.
Fünf Gründe für „Martha“:
1. Wiederentdeckung eines Welterfolgs
Eine Oper, die einst zu den meist gespielten Europas gehörte – heute selten zu erleben.
2. Ohrwürmer garantiert
Flotows Melodienreichtum verbindet Eleganz mit unmittelbarer Eingängigkeit.
3. Ensemble in Bestform
Fast das gesamte Musiktheaterensemble auf einer Bühne – mit genau den Stimmen, die diese Partitur braucht.
4. Theater im Konzertformat
Kostüm, Maske und Conférencier schaffen einen erzählenden Raum jenseits des klassischen Konzertabends.
5. Nähe, die Oper neu erfahrbar macht
Stimmen, Emotionen und Musik in unmittelbarer Distanz – so direkt erlebt man Oper selten.