Kreativer als KI?

Liebes Publikum,

die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk spricht öffentlich darüber Künstliche Intelligenz in ihrer Arbeit zu nutzen und löst damit große Irritation aus. Warum eigentlich? 

In einer Welt, vor deren Dynamik wir uns fürchten, scheint es uns wichtig zu sein darauf zu beharren, dass es Dinge gibt, die nur der Mensch zustande bringt. Wir wollen am Bild originärer Schöpfung aus dem Kopf und der Feder (ja, hier sollte es auch wirklich und ganz unbedingt dieses romantische Requisit sein) eines genialen, mit unverwechselbarem Talent gesegneten humanen Wesens festhalten. Wir wollen die Kunst als einen der letzten Winkel, in dem wir nicht überflüssig und nicht ersetzbar sind, nicht preisgeben. Dass eine Maschine, gemacht aus dem Wissen aller, schlauer ist als wir, können wir akzeptieren und gewöhnen uns daran davon zu profitieren. Aber kreativer? Das erschüttert uns zutiefst. Dabei ist das Sampeln, das Collagieren, das Verweisen und das Zitieren eine alte Technik Neues zu erschaffen. Künstler*innen haben den Anspruch auf der Höhe der Zeit und ihren Entwicklungen zu sein, mit allem umzugehen, was der Fall ist. Warum tun wir uns dann so schwer, wenn Künstliche Intelligenz auch Einzug in die Kunst hält und atmen erst wieder auf, wenn wir erfahren dürfen, dass die Schriftstellerin KI ausschließlich zur Recherche verwendet? In ihrer Erzählung „Spiel auf vielen Trommeln“ lässt Olga Tokarczuk ihre Protagonistin sagen:

Das größte Privileg des Menschen – ist das Jetzt zu besitzen. Deshalb habe man die Sprache ersonnen – um die Übertragung von Ereignissen aus der Vergangenheit in die Zukunft zu kontrollieren und damit Macht über die Zeit zu haben, um die Zeit anzuhalten, und sei es nur für den kurzen Augenblick, in dem man in der vollen Bedeutung sagen kann: «Ich bin». Das «Jetzt» zu haben, es heißt, im unbeweglichen Auge des Sturms zu sein, dort zu stehen und die wirbelnden Ereignisse zu betrachten, ihre kreisförmige, immer und immer wiederkehrende Ordnung.

Abgesehen davon, dass wir uns einfach nicht vorstellen können und wollen, dass solche Sätze auch eine Künstliche Intelligenz ersonnen haben könnte, finden wir in dieser Passage unsere Sehnsucht wieder, die Oberhand über die Ereignisse zu behalten oder zumindest über die Beschreibung derselben. Mitten im Gebrause der Welt zu stehen und dabei das Privileg zu besitzen, zu beobachten und zu beschreiben, ohne selbst niedergerissen zu werden von den Wirbeln der Wirklichkeit – das ist eine schöne Vorstellung und eine gute Position für die Kunst und ihre Künstler*innen. Die Systeme, die uns mittlerweile zur Verfügung stehen und die sich rasender als jeder Sturm entwickeln, sind in der Lage uns diese Position streitig zu machen. Haben wir noch „die Macht über die Zeit“?  Ein „Ich bin“ ist kein gesicherter Standpunkt mehr. Das kann man bedauern. Man kann sich dem aber auch stellen. Man kann damit spielen und im Spiel sämtliche Freiheit zurückgewinnen.

Am Stadttheater Gießen wird seit mehreren Spielzeiten mit den Möglichkeiten von Digitalität umgegangen. Vor allem im Zusammenhang mit nachhaltigen, klimaschützenden und Ressourcen sparenden Themen. Aber auch im Hinblick auf künstlerische Projekte. Als eine der letzten Premieren der Saison können Sie nun ein Theaterereignis erleben, das modernste Technik, Interaktion mit Künstlicher Intelligenz und nahbare analoge Wahrnehmung zusammenführt. Lassen Sie sich den Rundgang durch das Theater „Versuch über die nachhaltige Ordnung merkwürdiger Dinge“ nicht entgehen. Sie können mit Möbelstücken sprechen und virtuell Kostüme anprobieren, haben es mit täuschend echten Dingen und mit echten Täuschungen zu tun. Sie tauchen mit den Mitteln der Jetzt-Zeit in die unendlichen Geschichten der Vergangenheit.

All das schafft die menschliche Kreativität und Einzigartigkeit nicht ab. Es erweitert sie vielmehr und schenkt uns neue Formen.

Und dennoch: Es sei erlaubt, sich am Geruch von frisch bedrucktem Papier zu erfreuen, unser Spielzeitheft in den Händen zu halten, es durchzublättern und zu lesen. Innovative Inhalte im vertrauten Format. Genießen Sie auch das.


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