Wenn das Bühnenbild lebendig wird

Ein Koffer erzählt von seinen Reisen. Ein Stuhl weigert sich, einfach nur dazustehen. Ein Mantel erinnert sich an die Körper, die ihn getragen haben.

Im Fundus des Stadttheaters Gießen sind Dinge nie nur Dinge. Zwischen Regalen voller Requisiten und Kleidung lagern Geschichten, Stimmen, Spuren vergangener Inszenierungen – und vielleicht auch ein eigener Wille.

Am 4. und 5. Juni 2026 wird dieser verborgene Kosmos zur Bühne: Versuch über die nachhaltige Ordnung merkwürdiger Dinge des Performance-Kollektivs ArtesMobiles lädt das Publikum zu einer immersiven Theatererfahrung ein. In kleinen Gruppen geht es durch Räume des Theaters im Großen Haus, die sonst im Verborgenen bleiben – dorthin, wo Gegenstände beginnen, sich einzumischen.

Was diese Augen wohl schon alles gesehen haben? Foto: ArtesMobiles

Was diese Augen wohl schon alles gesehen haben? Foto: ArtesMobiles

Wir haben Nina und Birk von ArtesMobiles dazu befragt.

Euer Projekt lässt Gegenstände aus dem Theater lebendig werden und sprechen. Wie kam es dazu, dass ihr dachtet: Requisiten haben eine Stimme?

Unsere Arbeit ist gefördert von „Fonds Zero“ der Kulturstiftung des Bundes, einem Programm, das seit 2022 Kultureinrichtungen darin unterstützt, klimaneutrale Produktionsformen und neue nachhaltige Ästhetiken zu erproben. Das Stadttheater Gießen ist schon zum zweiten Mal dabei: nach der Uraufführung „Fifty Degrees of Now“ in 2024 jetzt mit der Anschlussförderung unserer Produktion „Versuch über die nachhaltige Ordnung merkwürdiger Dinge“. Diese Kontinuität ist wichtig, weil Nachhaltigkeit im Theater nicht in einem Projekt erledigt ist. Sie verändert, wie man arbeitet.
Wenn du anfängst, jede Materialentscheidung im Theater durch die Brille der Nachhaltigkeit zu sehen, kommst du zwangsläufig auf den Fundus – dem Ort, an dem die Gegenstände und Kostüme früherer Stücke lagern, und in dem das Theater seine eigene Geschichte aufbewahrt. Wenn du dich zwischen Mänteln aufhältst, die noch an eine bestimmte Schulterhaltung erinnern, und Stühlen, auf denen schon zehn verschiedene Familien gesessen haben, merkst du: Diese Dinge sind nicht stumm. Sie haben ihre Auftritte hinter sich, ihre Premieren, ihre Pannen. Wir hatten irgendwann das Gefühl, wir müssen ihnen nur den Raum geben, dann fangen sie an zu erzählen.

Der Fundus des Stadttheaters Gießen wird bei euch zu einer Welt voller Geschichten.

Der Fundus ist für uns so etwas wie das Unterbewusstsein des Theaters. Oben auf der Bühne ist alles auf die aktuelle Aufführung ausgerichtet – im Fundus liegen Jahrzehnte übereinander. Ein 100 Jahre altes Kostüm neben einer 90er-Jahre-Bürolampe, daneben ein Säbel, der schon drei Königen gehört hat. Diese Schichten, dieses Nebeneinander von Epochen und Inszenierungen auf wenigen Quadratmetern – das hat eine ganz eigene Magie. Und gleichzeitig ist der Fundus ein zutiefst praktischer und politischer Ort: Hier entscheidet sich schon immer, ob etwas weiterlebt oder weggeworfen wird. In einer Welt, in der fast alles auf Verbrauch ausgelegt ist, funktioniert ein Theaterfundus nach einer anderen Logik: Dinge werden so lange wie möglich weiterverwendet, umgewidmet, neu kontextualisiert. Ein Sessel, der in einem Tschechow stand, taucht zwanzig Jahre später in einem Gegenwartsstück wieder auf, vielleicht umgepolstert, vielleicht zerschnitten, vielleicht genau so wie damals. Diese Praxis ist alt, fast selbstverständlich – und doch hat sie eine politische Dimension, die wir gerade jetzt wieder neu lesen können. Der Fundus zeigt, dass es ohne ständigen Nachschub geht. Dass Wiederverwendung kein Mangel ist, sondern eine Form von Reichtum.

Was erwartet das Publikum konkret bei eurer Tour durch das Große Haus?

Es ist eine Mischung aus Theater und Installation, mit einer klaren Rahmenhandlung: Eine Regisseurin (gespielt von Anna Präg) steht kurz vor der Premiere und sucht händeringend nach den passenden Gegenständen. Nur leider gehorchen die Dinge nicht. Sie haben Allüren, Meinungen, einen eigenen Willen. Also macht sie das Publikum zu Kompliz*innen. Was als Führung beginnt, kippt schnell ins Spiel. Es gibt performative Begegnungen, installative Momente und Augenblicke, in denen man einfach steht und zuhört. Wir wollten keine klassische Hinter-die-Kulissen-Tour, sondern eine Erfahrung, in der die Kulissen zurückblicken.

Was diese Tour besonders macht: Sie findet nur an zwei Abenden statt – am 4. und 5. Juni 2026. Das Publikum betritt in kleinen Gruppen Räume, die normalerweise nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind – Lager, Korridore, Werkstattzonen. Wer dabei ist, sieht das Theater von einer Seite, die selbst viele Mitarbeitende des Hauses nicht regelmäßig zu Gesicht bekommen. Das macht den Abend einmalig im Wortsinn. Es ist keine Vorstellung, die im Spielplan immer wieder auftaucht – es ist ein Fenster, das sich an zwei Abenden öffnet, ein Theaterabend, der so nicht wiederkommt.

Eure Dinge erzählen, erinnern sich, widersprechen sogar. Wie entwickelt man solche „Charaktere“?

Wir haben Interviews mit den Mitarbeitenden des Theaters aus allen Gewerken geführt: Schreinerei, Schlosserei, Malsaal, Kostümabteilung, Requisite, Maske, Bühnentechnik. Wir sind durch die Werkstätten gegangen und haben gefragt: Welches Objekt liebst du? Welches magst du nicht? An welches erinnerst du dich, obwohl du es lange nicht gesehen hast? Was ist die kurioseste Geschichte, die du mit einem Stück hier verbindest? Daraus sind die Charaktere entstanden.
Die Menschen in den Gewerken kennen die einzelnen Gegenstände länger als jede Inszenierung. Sie wissen, welcher Stuhl schon dreimal repariert wurde, welcher Mantel auf Tournee verloren ging und nachgenäht werden musste, welche Lampe immer ausfällt. Dieses Wissen ist nirgendwo zentral abgelegt – es lebt in den Köpfen der Menschen, die täglich mit den Dingen umgehen.

Requisiten-Sammelsurium auf der Probebühne des Stadttheaters. Foto: ArtesMobiles

Requisiten-Sammelsurium auf der Probebühne des Stadttheaters. Foto: ArtesMobiles

Aus diesen sehr konkreten, oft beiläufigen Erinnerungen haben wir die Stimmen entwickelt – mal in Worten der Befragten, mal weitergesponnen, manchmal verfremdet. Wichtig war uns, dass die Charaktere nicht nur niedlich oder skurril werden, sondern auch widerständig sein dürfen. Ein Stuhl, der sich weigert, einfach nur dazustehen, ist ja auch eine kleine Verweigerung gegen die Logik des Verbrauchs und Verschleißes.

Das Publikum begegnet auf der Tour nicht nur diesen Objekten. Schauspieler*innen des Stadttheaters und Tänzer*innen der Justus-Liebig-Universität Gießen sind Teil der Inszenierung – sie führen, begleiten, mischen sich ein, geben den Dingen Körper und Gegenüber. Genau in dieser Kombination – Objekte, die zu sprechen beginnen, und Menschen, die ihnen begegnen – entsteht der besondere Klang des Abends.

Muss man als Publikum irgendwas Besonderes machen, wenn man bei der Tour dabei ist?

Wir wissen, dass „immersiv" und „interaktiv" für viele Leute erst einmal abschreckend klingt – die Sorge, plötzlich auf der Bühne zu stehen oder etwas vorspielen zu müssen. Diese Sorge ist hier unbegründet. Niemand wird vorgeführt, niemand muss performen. Das Stück hat klare Spielregeln, und die machen es einfach, sich darauf einzulassen, ohne sich preiszugeben. Wer mitreden will, kann mitreden. Wer nur zuhören und schauen will, ist genauso richtig.

Welche Technik steckt hinter den sprechenden Gegenständen?

Im Zuge des Projekts entstand eine Datenbank, in der wir den Fundus systematisch erfassten. Wir arbeiten dafür mit Artwork, einer Open-Source-Software für Kulturbetriebe, die unter anderem von Kampnagel, HAU und Hellerau entwickelt wurde. Damit wird der Fundus zum ersten Mal durchsuchbar und strukturiert sichtbar – auch über das Projekt hinaus. Das klingt zunächst nach Verwaltung, steht aber zentral für Nachhaltigkeit: Was nicht auffindbar ist, wird neu gekauft. Eine gute Datenbank verhindert genau das.

In „Versuch über die nachhaltige Ordnung merkwürdiger Dinge" begegnet das Publikum nun einigen der in der Datenbank erfassten Gegenstände. Wir gehen davon aus, dass wir die Stimmen der Requisiten gerade deshalb hören können, weil sie digitalisiert wurden. Das klingt zunächst gegen die Intuition, weil man Digitalisierung oft als das Stummmachen versteht – als das Übersetzen von etwas Lebendigem in etwas Formales. In der Welt unserer Inszenierung ist es genau andersherum. Erst die digitale Erfassung dokumentiert die Geschichte eines Objekts, erst dadurch kann es auch antworten.
Dafür nutzen wir eigenes KI-Sprachmodell (ein LLM), das mit den Materialien aus unseren Interviews, aus den Inszenierungs-Archiven und aus den Beschreibungen in der Datenbank trainiert wurde. So bekommt jedes Objekt tatsächlich eine eigene Stimme, mit eigener Geschichte, eigenem Eigensinn, eigenen Antworten. Nicht aufgenommen, nicht eingesprochen – sondern in dem Moment generiert, in dem jemand mit ihm spricht. Damit ist das Objekt im Stück kein Sprachrohr eines vorab fixierten Textes, sondern ein Gegenüber, das reagiert.

Das Digitale erzeugt ein Echo, in dem das Original neu hörbar wird. Was physisch verloren gehen kann – Gewicht, Geruch, Patina – bleibt beim Objekt. Was hinzukommt, ist die Möglichkeit, gehört zu werden. Für uns ist das auch ein Vorschlag, wie man im Theater über Digitalisierung sprechen kann, ohne entweder Verlust zu beklagen oder Fortschritt zu feiern. Sondern: das eine als Bedingung des anderen.

Recherche im Kostümfundus des Stadttheaters Gießen. Foto: ArtesMobiles

Recherche im Kostümfundus des Stadttheaters Gießen. Foto: ArtesMobiles

Gibt es ein bestimmtes Requisit oder Objekt, das euch persönlich besonders überrascht oder berührt hat?

Ja, eindeutig: das Probenkostüm. Wenn du je eine Diva suchst, die seit Jahrzehnten unbedankt im Hintergrund arbeitet – hier ist sie. Das Probenkostüm denkt, es sei der Star jeder Aufführung. Was insofern absurd ist, als es genau das Kostüm ist, das nie auf die Bühne darf: getragen in den Proben, damit Bewegungen sitzen, dann zur Seite gelegt, wenn das eigentliche Bühnenkostüm übernimmt. Aber das Probenkostüm sieht das anders. Es ist überzeugt, dass die ganze Arbeit ohne es nicht möglich gewesen wäre, dass alle Bewegungen, alle Spielideen, alle Durchbrüche eigentlich ihm gehören. Und es ist tief gekränkt, wenn jemand das nicht weiß.

Was uns daran berührt – jenseits des Komischen –, ist eine kleine Wahrheit. Das Probenkostüm trägt die unsichtbare Phase einer Produktion. Es ist beim Zweifeln dabei, beim Stocken, beim Verwerfen, beim Wiederfinden. Es weiß mehr über das Stück, als das fertige Bühnenkostüm jemals wissen wird. Dass es danach übergangen wird, ist eigentlich eine kleine Tragödie.

Ausblick

Wer wissen will, wie sich ein Gespräch mit einem Mantel anfühlt oder warum ein Stuhl plötzlich widerspricht, sollte sich diese besondere Theatererfahrung nicht entgehen lassen.

Versuch über die nachhaltige Ordnung merkwürdiger Dinge erleben Sie am 4. und 5. Juni im Großen Haus des Stadttheaters Gießen.

Und wer schon jetzt neugierig ist, kann mit der von ArtesMobiles parallel entwickelten Fundus-Dating-App LiebDing vorab mit Requisiten ins Gespräch kommen – online oder im Foyer Großes Haus im 1. Stock.

Benutzeroberfläche der App LiebDing. Foto: ArtesMobiles

Benutzeroberfläche der App LiebDing. Foto: ArtesMobiles

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