Wer bestimmt, was fremd ist?

Familiäre Spannungen und kulturelle Konflikte ziehen sich durch Ibrahim Amirs Theaterstück „Das Opferfest“. Aber auch jede Menge kluge und humorvoller Überlegungen über Glauben, Zugehörigkeit und die Frage, wie ein friedlicheres Zusammenleben möglich ist. Regisseur Tanju Girişken im Gespräch mit Dramaturg Tim Kahn.

Tim Kahn: Als Regisseur hast du sowohl Stückentwicklungen zu Themen wie Migration, Heimat, Sprache und Diskriminierung erarbeitet als auch Gegenwartsdramatik und große Klassiker inszeniert. Siehst du da eine Verbindung bei deiner Arbeit an „Das Opferfest“?

Tanju Girişken: Ich interessiere mich immer für die Geschichten der Schauspieler*innen. Ihre individuellen Erfahrungen, Anekdoten und Biografien wollte ich ins Stück einbauen. Durch die Erfahrungen und das eigene Erleben der Schauspieler*innen wollte ich auch die Klassiker ein bisschen aktualisieren, ein bisschen heutiger machen.
Das ist natürlich Geschmackssache, aber es gehört für mich dazu, ein Stück zu brechen und den Theaterraum zu thematisieren. 
Und handwerklich verbinden sich diese Ansätze für mich sowieso. Bei den Stückentwicklungen sind sehr aktuelle, sehr direkte und sehr klare menschliche Situationen enthalten. Wenn man mit Biografien arbeitet, merkt man, dass diese grundlegenden menschlichen Situationen auch in den Klassikern vorhanden sind. Und in einem modernen Stück wie „Das Opferfest“ sehen wir eben einen Generationenkonflikt. Da gibt es viele Parallelen.

Zentrales Motiv des Stücks ist ein familiärer Generationenkonflikt. Das heißt, die Eltern haben ziemlich genaue Vorstellungen – nicht nur von ihrem eigenen Leben, sondern auch von dem ihrer Kinder. Die Kinder wiederum vertreten ihre eigenen Ansichten und verteidigen diese auch mit großem Nachdruck. Glaubst du, dass diese Konflikte etwas über den Stellenwert verraten, den die Institution Familie in unserer aktuellen Gesellschaft hat?

Es ist auch ein kultureller Konflikt, der durch Migrationsgeschichten entsteht – also kulturelle Unterschiede zwischen den Generationen. Da ist viel Verwandlung drin, viel Verweigerung, viel Widerstand – vor allem aus der Perspektive der Kinder gegenüber den Eltern. Deshalb würde ich das nicht nur als klassischen Generationenkonflikt beschreiben. 
Migration fordert die Neudefinition der eigenen Identität. Viele entwickeln dadurch so etwas wie einen Überlebensmodus. Natürlich kommt es darauf an, unter welchen Bedingungen man migriert ist. Aber daraus entsteht oft eine starke Anpassungsfähigkeit. Daraus ergibt sich ein innerer Konflikt: Wie viel von der ursprünglichen Identität bleibt erhalten? Wird sie verweigert? Wird sie bewusst bewahrt? Und es ist ein aktuelles Thema, weil Migration nicht aufhört. Dieser Konflikt bleibt bestehen. Manche Eltern interpretieren Anpassung als Identitätsverlust und versuchen, das zu verhindern. Dadurch entsteht Druck. Sie erinnern ihre Kinder daran, wer sie sind – türkisch, arabisch, muslimisch – und versuchen, diese Identität über Rituale wie das Opferfest aufrechtzuerhalten.

Ich stelle mal eine These auf: „Das Opferfest“ erzählt davon, was wir innerhalb einer Einwanderungsgesellschaft von uns selbst opfern müssen, um einander begegnen zu können.

Das kann ich unterschreiben. Dieses Sich-selbst-opfern klingt erst einmal negativ, aber es bedeutet für mich genau dieses Zusammenkommen. Ich muss nicht deinen Lebensstil komplett übernehmen oder gutheißen. Aber trotzdem können wir zusammenleben. Dafür muss ich vielleicht meine festgefahrenen Meinungen ein Stück weit aufgeben. Deshalb braucht es dieses „Opfer“. Und das muss nicht negativ sein.

Es gibt neben der Familiengeschichte noch eine andere Ebene im Stück – eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kulturbetrieb und der Institution Theater. So wird etwa die Frage gestellt, wie sich Kunst und politische Korrektheit vereinbaren lassen. Aber auch der Vorwurf, migrantische Narrative seien oft nur Deko, steht im Raum. Welche Haltung habt ihr dazu auf der Bühne gefunden?

Das ist eigentlich der Kern unseres Konzepts und prägt auch die Spielweise. Wir wollten den Theaterraum öffnen und zeigen, dass wir im Theater sind – dass ein Ensemble eine Geschichte spielt. Gleichzeitig gibt es in der Kulturpolitik den Wunsch nach Diversität, nach Repräsentation verschiedener Communities. Aber oft fehlen die Ressourcen – personell wie strukturell. In unserem Stück spielt ein klassisches Ensemble eine Migrationsgeschichte, ohne diese Perspektive wirklich zu repräsentieren. Deshalb unterbrechen wir das Spiel durch eine Figur, die diese Perspektive einfordert und ihre eigene Geschichte erzählen will.

Anders als im Text vorgesehen, werden migrantische Sichtweisen in deiner Inszenierung nicht durch drei Puppen dargestellt. Stattdessen hast du dich dafür entschieden, diese Ebene ganz auf einen Schauspieler zu konzentrieren. Warum war dir das wichtig?

Die Puppen sind die Stimmen oder Repräsentationen der Figuren, die sich gegenseitig kritisieren oder reflektieren. Ich habe aber gedacht: Wir müssen das ein bisschen komprimieren, auf eine Figur reduzieren. Nicht, damit etwas verloren geht, sondern damit es konkreter und spezifischer wird. Es ging auch darum, dieser Perspektive eine Stimme und einen Körper zu geben. Beim Puppenspiel gibt es per se diese Distanz zwischen Spieler*in und Objekt. Mir war aber wichtig, dass die Perspektive des Ensembles ein konkretes und eigenständiges Gegenüber bekommt, um in eine direkte Auseinandersetzung gehen zu können.

Die Figur Dara geht als Zuschauer in diese Inszenierung und beginnt dann, sich einzumischen. Sie plant, im Theater ein „Museum der Migration“ zu errichten. Ein Museum ist ein Ort, an dem sowohl Artefakte und antiquiertes als auch Phänomene der Gegenwart thematisiert werden – also eine utopische Gedenkstätte. Möchtest du etwas darüber verraten, wie dieser Ort in der Inszenierung aussieht?

Es sollte kein klassischer Garten oder Hinterhof sein, sondern ein Ausstellungsraum – also wirklich etwas, das an ein Museum erinnert. Deutschland ist ein Land der Dokumentation. Es wird sehr viel archiviert, gesammelt, ausgestellt. Museen spielen eine große Rolle. Und dann stellt sich die Frage: Welche Geschichten werden dort erzählt? Was wird dokumentiert? Was wird bewahrt? Und was, wenn in diesem Museum Geschichten der in Deutschland zusammenlebenden Menschen erzählt und nicht nur archiviert werden? Die Figur möchte Teil dieser Geschichte sein – Teil der Geschichte dieses Landes, dieser Gesellschaft. Aber sie will nicht als Objekt ausgestellt werden. Sie will Subjekt sein. Sie will mitbestimmen, wie diese Ausstellung aussieht und was erzählt wird.

Dem familiären Esstisch als soziale Institution kommt auf eurer Bühne auch eine zentrale Rolle zu. Alle Konflikte werden hier ausgetragen. In den Proben hast du mal gesagt, dass der Tisch für dich Deutschland symbolisiere. Kannst du das genauer erklären?

Der Tisch ist sehr groß und bietet viel Platz – viele Menschen können daran sitzen. Unterschiedliche Figuren mit verschiedenen Perspektiven treffen aufeinander: eine aufgeschlossene Tochter und ein konservativer Vater, Fragen von Ehe, Familie, Rollenbildern. Themen wie Identität oder Vergangenheit. Auch eine Figur mit einer fragwürdigen politischen Haltung kommt dazu. Das ist für mich ein Bild dafür, dass Zusammenleben möglich ist – trotz aller Unterschiede und auch, wenn wir in Deutschland manchmal das Gefühl haben, dass es kaum noch Orte der Begegnung gibt.

Gleichzeitig sitzt die Figur Dara selbst nur selten am Tisch. Sie wird auch nicht dazu eingeladen. Ist das für dich auch ein Bild des Ausschlusses?

Ja, ich stelle damit eine Frage an das Publikum: Wer entscheidet eigentlich, wer am Tisch sitzen darf? Und brauchen wir überhaupt jemanden, der das entscheidet? Aber am Ende sitzt sie selbst am Tisch. Und alle sitzen zusammen. Das Schlussbild zeigt eine Form von Zusammenkommen – trotz aller Unterschiede. Eine Gesellschaft, die funktionieren kann, auch wenn es unterschiedliche Meinungen gibt.

Neben all den Konflikten zeichnest du am Ende eine tiefe Verbundenheit zwischen den Figuren. Ist das eine Vision?

Ja, das ist eine Frage, die mich generell interessiert: Wer bestimmt, was fremd ist? Aus welcher Perspektive wird das definiert? Ich habe selbst erlebt, wie sich das Gefühl von Zugehörigkeit verändert. Wenn man nach Deutschland kommt – oder allgemein nach Europa –, hat man oft die Vorstellung von einer offenen, freien Gesellschaft. Und dann merkt man nach und nach, dass es auch andere Seiten gibt. Dass Menschen schnell in Kategorien eingeordnet werden. Dass bestimmte Gruppen immer wieder auf bestimmte Rollen reduziert werden – zum Beispiel als „Arbeitskräfte“. Es ist schwer, aus diesen Kategorien auszubrechen. Manche kämpfen dagegen an, andere geben auf. Und so entsteht dieses Gefühl des Fremdseins – nicht unbedingt aus einem selbst heraus, sondern weil es einem zugeschrieben wird. Das ist eine Erfahrung, die mich beschäftigt und die ich in meiner Arbeit reflektiere.

Zum Schluss: Wie sieht für dich ein ideales Familienfest aus?

Ganz klar: mit Konflikten. Ich glaube nicht an dieses Bild, in dem alle immer glücklich sind und sich nur lieben. Ein Familienfest beinhaltet auch Streit, Spannungen, vielleicht auch Schweigen oder Schmollen. Aber gleichzeitig ist es ein Ort, an dem man angenommen wird. Ein sicherer Raum, in dem man auch unperfekt sein darf. Gerade das macht Familie für mich aus.

Danke für das Gespräch!

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