Zwischen Realität, Fiktion und Projektion
Julia van der Horst: Du arbeitest als Bühnen- und Kostümbildnerin bei „The Rake’s Progress“. Siehst du die beiden als Einheit oder sind das für dich getrennte Berufsbilder? Wie behält man da den Überblick?
Anna Brandstätter: Sowohl als auch, würde ich sagen. Beide haben denselben Ursprung: das künstlerische Gesamtkonzept oder die „Welt“, die ich für das Stück erfinde. Die Arbeitsprozesse für Bühnen- und Kostümbild laufen dann jedoch weitgehend getrennt voneinander ab. Umso stärker die Idee für ein Konzept ist, desto leichter ist es, den Überblick zu behalten.
Wie entsteht diese Welt, die wir am Ende auf der Bühne erleben?
AB: Am Anfang steht die Auseinandersetzung mit dem Stück und der Musik sowie die ersten Gespräche mit der Regie in denen wir uns zunächst fragen: Was interessiert uns daran? Was wollen wir erzählen? Und wie wollen wir das erzählen? Nach diesen Gesprächen beginne ich mit meiner Recherche. Ich arbeite viel mit Bildmaterial, stelle Collagen aus Atmosphären und Ideen zusammen, schaue Filme, die mir zum Thema einfallen, und fertige erste Skizzen an. Aus diesen Zeichnungen entstehen die ersten Entwürfe, die ich wiederum mit der Regie bespreche. Sobald wir uns auf einen Entwurf geeinigt haben, zeichne ich technische Pläne und Kostümfigurinen, die anschließend von den Werkstätten umgesetzt werden. So gelangen die Bilder schließlich auf die Bühne.
Erzähl mir von deiner Arbeit an „The Rake’s Progress“. Wie kamst du auf dieses wandelbare Bühnenbild?
AB: Ich habe für das Stück nach einem Raum gesucht, der Toms düstere Reise erzählen kann, ohne jede Szene konkret zu bebildern. Statt naturalistische Bilder zu bauen, wollte ich eher einen atmosphärischen „Zustandsraum“ schaffen, der dem Publikum Platz für eigene Bilder und Assoziationen lässt. Dabei spielten Licht und Schatten eine große Rolle. Schwarz-Weiß-Fotografien mit starken Kontrasten dienten als Inspirationsquelle. So entstand das Bühnenbild als schattenhaftes Labyrinth – ein albtraumhafter Raum, durch den diese teils fantastischen, überzeichneten Figuren wandern. „Was ist Realität und was Projektion?“ war die Frage, die den Entstehungsprozess begleitet hat.
Opernchor ©Christian Schuller
Strawinskys Oper basiert auf der Kupferstichserie „A Rake’s Progress“ von William Hogarth, hat also eine kanonische Bebilderung als Basis. Hast du dich von dieser Bilderfolge leiten lassen?
AB: Zu Beginn meiner Recherche hatte die Kupferstichserie eine größere Bedeutung. Mich interessierten dabei jedoch weniger die dargestellten Szenen, sondern vielmehr die Strukturen und Muster, die beim Kupferstechen entstehen, die verwendeten Materialien sowie die Art und Weise, wie Geschichten in einzelnen Standbildern erzählt werden.
Sowohl die Kostüme als auch der Raum lassen keine eindeutige zeitliche oder geografische Zuordnung zu. Wo befinden wir uns also?
AB: Wir befinden uns in Toms Erinnerungen oder in seinem Kopf, in dem sich Realität, Fiktion und Projektion vermischen. So gibt es keine naturalistische eindeutige Verortung. Durch das Vermischen unterschiedlicher Assoziationen im Kostüm, das sehr eng gesteckte Farbkonzept und die transparenten Materialien entsteht eine neue, ganz eigene Welt. Der Raum verändert sich mit Tom und folgt seiner inneren Reise, bleibt im Kern aber immer derselbe Ort, der aber durch die wechselnden Konstellationen neue Zustände annimmt.
Wie entstehen diese Zustände?
AB: Die Rahmen, aus denen das Bühnenbild besteht, sind mit einem schwarzen, transparenten Stoff – einer sogenannten Gaze – bespannt und hängen im Schnürboden an Zugstangen. Durch das Verfahren dieser Züge nach oben und unten tauchen die Wände auf oder verschwinden wieder. Wird das Licht vor den Wänden gesetzt oder direkt auf sie gerichtet, wirken sie undurchlässig. Verlegt man das Licht hinter die Gaze, werden die Wände transparent. So entstehen unterschiedliche Atmosphären und Assoziationen, ohne dass die Räume naturalistisch festgelegt werden.
Welche Rolle spielt die Farbe Blau auf Toms Reise?
AB: Blau steht für eine heile Sehnsuchtswelt, in der Anne und Tom zusammen leben können – also für die Welt, die wir zu Beginn des Stückes sehen. Während sich Toms Kostüm nach und nach entfärbt und er dadurch immer mehr Teil der düsteren Schattenwelt Nicks wird, bleibt das Blau bei Anne erhalten. Sie ist die Projektionsfläche von Toms Wunsch, in diese heile Welt zurückzukehren.
Anne gibt es ja auch gleich mehrfach auf der Bühne.
AB: Auch das hat mit Toms Innenleben zu tun. Durch den Verlust von Anne erinnert ihn jede weiblich gelesene Figur im Stück an sie. Um das auszudrücken, haben wir entschieden, bestimmte Elemente zu wiederholen: die Stofflichkeit, die Form der Ärmel, die Kette oder die Frisur – im Chor, bei Mother Goose, bei Baba. Bei Baba wird dieses Prinzip dann auf die Spitze getrieben, sodass sie als Verkleidung dasselbe Kleid und dieselbe Frisur wie Anne hat und diese dann komplett ablegt, wenn die Ehe endet.
Ferdinand Keller, Annika Gerhards, Opernchor ©Christian Schuller
Hast du eine Lieblingsszene?
AB: Meine persönliche Lieblingsszene ist die Auktion im dritten Akt. Dort kommen für mich viele Dinge zusammen: eine große Bühnenfahrt mit Drehung und Hubpodium, eine sehr gelungene Setzung von Regisseur Max Koch, die Entscheidung, Chor und Sellem auf dieser kleinen Fläche zu platzieren, sowie eine sehr präzise Inszenierung der Figuren und Bewegungen. Ich mag das Zusammenspiel der Kostüme, die in diesem Bild aufeinandertreffen, und der Wände, die sich am oberen Bildrand nach oben und unten bewegen. In dieser Szene entsteht für mich jener Theaterzauber, den ich so liebe: Aus wenigen Mitteln, die zusammenkommen, entsteht ein großes, lebendiges Bild, das unglaublich viel erzählen kann.
Opernchor, Rhydian Jenkins ©Christian Schuller