Wir haben den Sturm verursacht

Die Choreografin Rafaële Giovanola ist für die tiefgreifende Bewegungsforschung ihrer Tanzstücke bekannt. Dafür wurde sie jüngst mit dem Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet. Zusammen mit dem Dramaturgen Rainald Endraß, mit dem sie vor über 25 Jahren ihre Kompanie CocoonDance gründete, spricht sie über ihre Arbeitsweise und das neue Stück Breath Works.

 

Caroline Rohmer: Was hat dich daran interessiert, über und mit dem Atem choreografisch zu arbeiten? Wie entstand dieses Interesse im Kontext eurer bisherigen Arbeit?

Rafaële Giovanola: Das Atmen, in Verbindung mit Bewegung, mit Tanz, war eigentlich immer wichtig. Schon in meiner Ausbildung haben wir viel mit dem Atem gearbeitet, haben gelernt, wie der Atem Bewegungen verlängert und organischer macht, und wie man auch durch richtig schwer Choreografien kommt, ohne atemlos zu werden.
Mit CocoonDance haben wir zuletzt das Stück Choreia gemacht, wo wir uns intensiv mit der Stimme und daher auch mit den Atemorganen auseinandergesetzt haben. Es hat uns interessiert, daran weiterzuarbeiten: wie der Atem und die Atemorgane den Körper und die Bewegungen verändern.
Wenn man sich mit dem Atem intensiv auseinandersetzt, kommt zu der rein physischen und organischen auch eine philosophische Ebene hinzu. Ich verbinde mit dem Atmen das Leben. Und da gibt es ganz viele Parameter, über die man nachdenken kann. Was atmen wir eigentlich? Was bedeutet es, dass uns die Luft umgibt, dass wir sie mit dem Publikum teilen? Es ist spannend, dass das Atmen etwas so Normales und die Luft etwas Unsichtbares ist. Und dann merkt man, dass das alles doch nicht so einfach und selbstverständlich ist; wir sind nur gewohnt, in einer bestimmten Weise zu leben.

Rainald Endraß: Ich sehe noch zwei weitere Themen. Zum einen Gemeinschaft, etwas, das uns auch in unseren letzten Stücken stark beschäftigt hat. Wie können wir den Zwischenraum, zwischen uns und dem Publikum, überbrücken? Wie können wir also erfahrbar machen,  dass wir Luft teilen, die uns, ob wir wollen oder nicht, als zusammengehörig kennzeichnet?
Das Weitere ist wieder einmal diese Suche nach dem „‘noch‘ ungedachten Körper“. Welche Transformationen des Körpers lassen sich durch die physische Recherche mit Atem und Luft denken – bis hin zu Körperzuständen, die wir uns bislang kaum vorstellen konnten.

Proben im Tanzstudio an Breath Works.
© Hartmut Dörr

Die Arbeit am bzw. die Suche nach dem „‘noch‘ ungedachten Körper“ ist sowas wie die Identität von CocoonDance. Wie ist dieser Körper zu verstehen? Als etwas Kommendes in unserer evolutionären Entwicklung? Oder sind das Verwandtschaften zu anderen Lebensformen? Oder offener gedacht, einfach Möglichkeiten des Lebens?

RE: Der „‘noch‘ ungedachte Körper“ ist ein unerschöpfliches Potenzial an dem, was für Tanz und Choreografie zu entdecken ist. Und das hat damit zu tun, dass sich unsere menschlichen Körper immer weiter verändern (lassen). Wir wissen das durch Prothesen – als Ersatz aber auch als Körperweiterung – und Cyborgs. Also ist auch das Körperbild immer im Wandel. Und wenn sich diese Grundlage transformiert, dann verändern sich auch die Vorstellungen über Bewegung und Tanz. Wir beziehen uns in unseren Recherchen und Entdeckungen daher nicht auf traditionellen Tanz, sondern sind eher im Austausch mit anderen Bewegungsdisziplinen, die damit scheinbar nichts zu tun haben. Für uns sind das aber Inspirationen, um neue Körperkonzepte zu entdecken. Es entstehen praktisch Kunstkörper, die dem Publikum erlebbar machen, dass wir das Gewohnte hinterfragen können. Ich finde am Theater bedeutend, dass man am Ende zeigen kann: Es könnte auch anders sein. 

RG: Wir Menschen haben entschieden, dass es normal ist, aufrecht auf zwei Füßen zu sein, aber es gibt ganz viele andere Möglichkeiten, mit dem Körper umzugehen. Und dieser Körper ist noch ungedacht, weil es daran immer mehr gibt, als wir uns überhaupt erträumen können. 
Am Beginn einer Probenarbeit für ein Stück kommen wir daher auch nicht einfach ins Tanzstudio und geben eine bestimmte ungewohnte Körperhaltung vor. Stattdessen entsteht das immer in einer sehr tiefen Recherche zusammen mit den Tänzer*innen. 

Als Ausgangspunkt nutzt du verschiedene Tasks (Bewegungs-Aufgaben) aus dem Bewegungsglossar, dass ihr mit CocoonDance entwickelt habt.

RG: Diese Tasks repräsentieren jeweils wochenlange Forschung und sind Teil unseres Repertoires. Aber sie sind Werkzeuge und verändern sich je nach Kontext. Wenn man in eine neue Gruppe an einem Theater kommt, helfen sie dabei, die Tänzer*innen als Gruppe einzustimmen, sie dazu zu bringen, sehr genau aufeinander zu achten und zu reagieren und dabei vielschichtig über Körpertexturen und Bewegung im Raum zu forschen. 
Die Aufgaben geben einen Rahmen vor, über den sich die Bewegungsqualitäten dann hinausentwickeln, man findet neue Versionen oder Transformationen in etwas anderes.
Im Fall von Breath Works haben wir mit Tasks gearbeitet,  die viel mit dem Brustkorb zu tun haben oder die die Luft um uns herum in Bewegung bringen. 
Wir geben uns dann sehr viel Zeit um zu schauen, was dabei in der Gruppe entsteht, und wir spielen mit den Regeln. Wir versuchen dabei zu verstehen, warum etwas für uns funktioniert – nicht um es zu reproduzieren, sondern um Möglichkeiten zu haben, dass es immer ein bisschen anders sein kann und die Gruppe dabei wach bleibt. Das verlangt sehr viel Konzentration von den Tänzer*innen und sie müssen viel eigene Fantasie entwickeln und sich selbst überraschen. Es gibt keine Zielvorgabe, die zu erreichen ist, und dann ist das Stück „fertig“. Die Arbeit mit dem Material hört für die Tänzer*innen nie auf. 

Ausschnitt aus dem Bewegungsglossar von CocoonDance.
© CocoonDance

RE: Bereits in unserem Glossar sind viele Zeichnungen, Bilder und Übersetzungen von Bewegung in Sprache enthalten, die automatisch neue Bilder und Ideen erzeugen können. Es bietet sozusagen ein Vokabular und eine Grammatik, aus denen sich neue Narrative bilden.
Wir suchen also nicht nach Bewegungen und Bildern, um etwas Bestimmtes zu erzählen, sondern umgekehrt. Aus den Bewegungen und Körperbildern entstehen Narrative und Assoziationen, denen man dann gezielt nachgehen kann.

RG: Im Vergleich zu anderen Stücken sind in Breath Works die erforschten Körperbilder vielleicht nicht so extrem anders vom Gewohnten. Aber wir erleben, wie vielschichtig der Atem Veränderungen nicht nur in der Körperform hervorbringt, sondern auch in Körpertexturen, den emotionalen Zuständen und den Kommunikationssystemen, die nicht durch Sehen oder Anfassen funktionieren, sondern ganz andere Sinne nutzen.

Was verändert sich in der Wahrnehmung?

RG: Wir arbeiten daran, dass die Tänzer*innen immer wach im Moment sind, dass alle direkt spüren und schnell auf das reagieren können, was innerhalb der Gruppe und um sie herum passiert. Wir nennen das „Responsive Body“, also ein „empfänglicher“ und intuitiv „antwortender Körper“.  Diese dauernde Aufmerksamkeit muss man trainieren, und sie wird, während wir die Choreografie entwickeln, immer weiter vertieft, auch noch nach der Premiere.

Szene aus Breath Works
© De-Da Productions

RE: Dieser geschärfte Zustand überträgt sich im besten Fall auch auf das Publikum. Manche nennen es kinästhetische Energie, andere sagen, es sind die Spiegelneuronen, die dazu führen, dass man die Bewegungen körperlich nachvollziehen und die Atmosphäre in der Gruppe spüren kann, selbst wenn man nicht direkt physisch beteiligt ist. 

RG: Bei Breath Works entsteht beispielsweise der Effekt, dass man beim Zuschauen plötzlich wahrnimmt, dass man selbst ja auch atmet und wie man atmet.  

RE: Dabei spielt auch der Sound im Stück eine wichtige Rolle. In der Komposition von Jörg Ritzenhoff sind aufgenommene Atemgeräusche der Tänzer*innen zu hören und die Musik wird in den Zuschauersaal von allen Richtungen eingespielt. Es entsteht ein gemeinsamer Klang- und Atemraum, der die Trennung zwischen Bühne und Saal überbrückt. 

Backstage auf den Endproben. Rafaëele Giovanola und das Ensemble kurz vor dem Durchlauf.
© De-Da Productions

Breath Works beginnt mit einer Szene, in deren Entstehung wir uns an einen Text von Walter Benjamin erinnert haben. Er schreibt (in Über den Begriff der Geschichte, 1940) über das Gemälde Angelus Novus von Paul Klee: „Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“
Was sind eure Fantasien, wenn ihr das Stück als Ganzes anschaut und in seinem Verlauf beschreibt?

RG: Man sieht am Anfang die Gruppe von Menschen, die als eine starre Gesellschaft von etwas weggehen, und die durch ihren eigenen Atem und ihre Unruhe in ganz verschiedene Zustände hineingeschmissen werden. Man kann das als verschiedene emotionale Zustände beschreiben, oder auch als verschiedene Räume, Planeten oder Lebensformen, vom Menschen zur Pflanze oder zum Tier. Ich glaube, das ganze Stück erzählt von einer Zeit der Atemnot, in der wir uns befinden. Der ganze Planet ist im Stress, und wir Menschen sind dafür verantwortlich. Wenn wir mehr zuhören würden, nicht nur auf uns, sondern auch auf die Natur oder andere Arten zu denken, dann würden wir bessere Lösungen finden.
Ich finde es sehr berührend zu sehen, wie die Körper auf der Bühne nicht mehr menschlich erscheinen, sondern als Insekten oder Fische, die ihrem Instinkt folgen – etwas, das man als erwachsener Mensch oft nicht mehr nutzt.

Szene aus Breath Works.
© De-Da Productions

RE: Es gibt ja viele Begriffe und Metaphern, die mit dem Atem und Luft verbunden sind. In der Bibel steht der Satz: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“ Wir Menschen haben den sprichwörtlichen Sturm verursacht, ohne es zu merken, und können ihn nicht mehr kontrollieren. Es entsteht eine irrationale Angst, eine kollektive Atemnot, ein Hyperventilieren. Bei Shakespeares Der Sturm steht das Unwetter für die Zerstörung der alten Ordnung und die Umkehr von Hierarchien. Damit öffnet sich auch ein Möglichkeitsraum für etwas Neues.


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