Müssen alle Märchen immer gleich sein? – 7 Fragen an „Margaret: Heldin für alle Fälle“-Autorin Simone Sterr
Seit Ende September 2026 ist Intendantin Simone Sterr im Krankenstand. Eine größere Operation und deren Nachwirkungen halten sie weiterhin davon ab, im Theater präsent zu sein. Auch die Premiere des diesjährigen Familienstückes „Margaret- Heldin für alle Fälle“, für das sie den Text geschrieben hat, muss sie verpassen. Ein E-Mail-Interview war im Vorfeld der Premiere aber vom Krankenbett aus möglich. Dramaturgin Julia van der Horst hat es geführt.
Julia van der Horst: Wie bist du auf die Idee für dieses Märchenabenteuer gekommen?
Simone Sterr: Mathilde Lehmann hat mir die Geschichte „Margaret und der Riese“ der ungarischen Autorin Dóra Gimesi aus dem schönen Sammelband „Märchenland für alle“ vorgestellt. Ein Buch mit zeitgenössischen internationalen Märchen. Eine junge Frau möchte endlich mal ein Märchen erleben, das nicht langweilig ist. Und sie selbst möchte die Protagonistin darin sein. Aber nicht als Prinzessin, sondern als Heldin. Wir waren alle begeistert vom Stoff und ich hatte sofort viele Fantasien und große Lust, daraus das diesjährige Familienstück zu schreiben.
Was gilt es zu beachten, wenn man so eine Geschichte schreibt?
Simone Sterr: Was ist eine gute Geschichte, die nicht langweilig ist? Müssen alle Märchen immer gleich sein? Wie kann man bestehende Rollenmuster zitieren, benutzen, aufbrechen für etwas Neues? Das Stück mixt moderne Aspekte mit uralten Motiven, versammelt bekannte Fabelfiguren, spielt mit Rollenbildern. Letzten Endes ist es eine anarchische, witzige, etwas schräge Geschichte, die doch alles hat, was ein abenteuerliches Märchen braucht: Reise, Gefahr, Fantastik, Zauber, Freundschaft. Ein zeitgenössischer Stoff, der sich aber zur uralten Technik des Geschichtenerzählens bekennt. Ich beachte kein Regelwerk beim Schreiben. Wichtig ist mir, dass die Figuren plastisch sind, dass sie nicht nur dramaturgische Funktion haben, sondern Charakter. Dialog ist wichtig – lange Erzählpassagen funktionieren nicht bei 500 Kindern. Die Geschichte erzählt sich darüber, was die Figuren miteinander aushandeln und erleben. Da muss man natürlich Platz lassen, den die Spieler*innen und die Regie füllen dürfen. Lücken bereithalten für die szenische Umsetzung ist beim dramatischen Schreiben das Wichtigste.
Warum war es dir so wichtig, die Geschichte einer Heldin zu erzählen?
Simone Sterr: Das ist schon mal eine steile Ansage, wenn eine junge Frau daherkommt und behauptet: „Ich kenne ein Märchen, das nicht langweilig ist“. Wohlwissend, dass diese Geschichte noch nicht geschrieben wurde, weil sie selbst diese Geschichte als Protagonistin erleben will. Dieses Selbstbewusstsein – den Berufswunsch „Heldin“ mal so in den Raum zu stellen und dann auch umzusetzen – ist toll und der Mut ist klasse. In ihrem Überschwang all das zu machen und zu leisten, was die männlichen Helden seit Jahrhunderten so machen, ist sie ein bisschen in Gefahr zu vergessen, dass es nicht darum geht, immer nur stark und mutig zu sein. Sondern auch darum, sich der Unsicherheit und der Angst zu stellen. Das ist dann die wahre König*innendisziplin, die Margaret lernt. Und auch alle anderen im Stück. Und letzten Endes wird dadurch auch der Riese besiegt.
Wie kamt ihr auf die Idee, diese Abenteuerreise musikalisch zu gestalten?
Simone Sterr: Musik ist für mich im Theater immer enorm wichtig und beim Familienstück allemal. Unbedingt Live-Musik für Kinder! Wenn landauf, landab die Playback-Versionen der sogenannten Weihnachtsmärchen über die Bühnen gehen, macht mich das schon traurig. Außerdem ist Musik ein Mittel, mit dem sich die Figuren noch einmal anders zeigen. Ein Charakter bricht in einem Song nochmal anders durch, treibt die Geschichte mit einem anderen Mittel weiter und macht eine neue emotionale Ebene auf. Und ich schreibe wahnsinnig gerne Texte für Lieder!
Unsere Heldin Margaret begegnet auf ihrer Reise vielen unterschiedlichen Freund*innen. Wenn du auch in diesem Abenteuer vorkommen würdest, wer wärst du?
Simone Sterr: Ich finde mich in jeder Figur ein bisschen wieder. In Simon, der ans Erzählen glaubt. In Margeret, die nicht akzeptieren möchte, dass die Dinge bleiben, wie sie sind. Im Klabautermann, der voller fantastischer Geschichten und philosophischer Gedanken ist. In der Hexe, die Vertrauen schenkt. In der Katze, die ein guter Kumpel ist. In der Meerjungfrau, die Show und Glamour liebt und ihren ganz eigenen Weg geht. Im Seeungeheuer, das schrecklich sein soll, es aber gar nicht ist. Nur nicht im Riesen, weil der fies und gemein ist. Wahrscheinlich bin ich eine Maus, die zwischen den Holzplanken des Schiffes wohnt, mit dem Margaret, Simon und die anderen unterwegs sind. Sie lauscht mit spitzen Ohren und schreibt alles auf. Und erfindet ein bisschen was dazu …
Hast du ein Lieblingsmärchen?
Simone Sterr: Die klassischen Grimm’schen Märchen mochte ich eher nicht. „Das ungehorsame Kind“ zum Beispiel – grauenhaft. „Rumpelstilzchen“ mochte ich ein bisschen, weil ich mit dieser Wut viel anfangen konnte. Zu Prinzessinnen hatte ich keine Affinität. An Fasnacht war ich Clown oder Räuber. Mit literarischen Märchen habe ich mich dann im Studium gerne auseinandergesetzt. Mit Hauf und E.T.A Hoffmann, mit russischen Volksmärchen … Meine Lieblingsgeschichte als Kind war aber „Der ungeschickte Zauberer Stabs“ von Robert Oksner. Das ist ein wahnsinnig netter Zauberer, mit Sternenmantel und Spitzhut, der allen Kindern ihre Wünsche erfüllen möchte. Nur ist er eben ungeschickt, vergisst Formeln, bringt Zaubersprüche durcheinander und dann zaubert er die unmöglichsten Sachen. Eigentlich macht er alles falsch aber mit wirklich gutem Willen. Das ist super lustig. Eine Weile war das sogar mein Spitzname in der Familie – „Stabs“ –, weil ich nicht so präzise war, nicht so aufmerksam, mir eine Menge Missgeschicke und Unfälle passiert sind.
Was machen Margaret und Simon jetzt, wo der Riese besiegt ist?
Simone Sterr: Sie ziehen durch die Welt, erleben Abenteuer und erzählen ihre Geschichte. Da, wo es Ihnen gefällt und wo das Publikum nett ist bleiben sie ein bisschen länger. In Gießen zum Beispiel …
Margaret: Heldin für alle Fälle
Schauspiel frei nach dem Märchen von Dóra Gimesi
Textfassung von Simone Sterr
FAMILIENSTÜCK | AB 6 JAHREN
PREMIERE 08. NOVEMBER 2026