Interview mit Ferdinand Keller
Du singst in unserer Wiederaufnahme Alfredo Germont – für dich ein Rollendebüt, aber kein Debüt in dieser Inszenierung. Schließlich durften wir dich letzte Spielzeit schon als Gastone erleben. Wie ist es, nun in eine neue Rolle zu schlüpfen?
Ferdinand Keller: Ich hatte tatsächlich Respekt vor diesem Wechsel. Denn ich bringe natürlich das Bühnen- und Musikgefühl aus der Rolle des Gastone mit. Und habe auch die Inszenierung bisher aus der Sicht und Motivation von Gastone gesehen. Da musste ich aufpassen, nicht durcheinander zu kommen. Aber am Ende ging das sehr gut auf. Letztendlich rollt man das Ganze noch einmal neu auf, wenn man so einen Wechsel angeht, und findet seinen eigenen Weg in die Rolle und Inszenierung. Bei Alfredo kann ich auch noch ein paar mehr Farben zeigen als bei Gastone.
Aber dafür hat er keine Elfenohren.
FK: (lacht) Stimmt, das ist tatsächlich ein kleiner Verlust. Ich bin als Alfredo auch nicht mehr Teil der Partywelt. Das hat schon auch echt Spaß gemacht. Vor allem, weil Gastone in diesem Umfeld total aufblüht, total reingeht und sich ohne Berührungsängste in diese Welt stürzt.
Wie ist das bei Alfredo?
FK: Alfredo kommt aus einem ganz bürgerlichen Umfeld. Für ihn ist diese Partywelt von Violetta neu, zumindest in diesem Ausmaß und Exzess. Ich glaube, er ist auch noch nicht besonders liebeserfahren. Und schon gar nicht mit so einem “It-Girl” aus der Stadt. Ich erinnere mich noch an meine ersten Erfahrungen auf Partys in der Großstadt, als ich nach Berlin kam. Da kommt man auf einmal in so ein Milieu und ist überwältigt. Wenn man dann noch jemanden interessant findet und diese Person ein Leben lebt, das so gar nichts mit dem zu tun hat, was man selbst kennt, wo man Referenzen hat – da verstummt man oft erstmal. Und bei Alfredo ist das genau so. Er ist verliebt, steht sich aber selbst im Weg, sich ihr anzunähern. Aber trotzdem traut er sich doch immer wieder, Flirtversuche zu unternehmen.
Wie passt das zusammen?
FK: Alfredo ist zwar unsicher in dieser Welt, aber sehr selbstsicher, ruhig und aufrichtig in dem, was er fühlt und möchte. Er gesteht Violetta offen seine Liebe und denkt dabei gar nicht an Stände oder soziale Schichten. Da ist er relativ gelöst und frei, hat keine Vorurteile. Deswegen kann er sich auch in diese Frau verlieben. Ich finde, die viel interessantere Frage ist: Wie kann Violetta, Pariser Lebefrau, es mit sich und ihrem Leben vereinbaren, mit so einem schnöseligen, bürgerlichen Jungen aufs Land zu verschwinden? Violetta sehe ich als erfahrene, freizügige Person. Freizügigkeit kann ein großes Geschenk sein, denn es bedeutet, befreiter leben zu können und vor allem sich selbst zu leben. Violetta weiß, wer sie ist, kennt ihre Facetten. Das finde ich auch so wertvoll an ihr – dass sie trotz aller Abgründe und Substanzen in der Lage ist, aufrichtig zu lieben, loszulassen, zu fühlen. Das kann nicht jede*r.
© Lena Bils (Ferdinand Keller, Julia Araújo)
Kurios, eigentlich, dass Verdi uns dieses Refugium auf dem Land, diese drei glücklichen Monate von Alfredo und Violetta, nicht sehen lässt.
FK: Erst durch diesen begrenzten Blick auf das Geschehen funktioniert die Oper. Es geht nicht um die gelebte Liebe, sondern um das, was mit ihr und um sie herum passiert. Aber für den Rest der Handlung und den Spannungsbogen der Oper ist es extrem wichtig, dass wir wissen, dass es diese glückliche Zeit gab. Denn daraus ergibt sich die enorme Fallhöhe des 2. Akts – weil sie so glücklich waren, ist es umso schlimmer, dass diese Beziehung zerbricht. Diese extreme Straffung macht es so intensiv. Auf der Bühne sind eben immer die Momente, in denen etwas passiert, die spannenden.
Eine Besonderheit dieser Inszenierung ist, dass Violetta nicht an Schwindsucht erkrankt ist, sondern eine Suchterkrankung hat. Ihre inneren Abgründe werden dabei von der Figur Il Demonio personifiziert. Wie geht Alfredo damit um?
FK: Alfredo lernt diesen Dämon kennen, als er sie am Ende des 1. Akts in ihrem Elend entdeckt. Aber weil es diese große Liebe gibt, dieses echte Feuer, spielt das für ihn erstmal keine große Rolle. Er nimmt Violetta mit diesen Abgründen an. Das gehört einfach dazu. Wenn man sich in jemanden verliebt, geht diese Liebe ja nicht weg, nur weil diese Person erkrankt ist. Das ist für mich auch generell eine Frage: Inwieweit ist darüber überhaupt zu urteilen? In unserer Gesellschaft passiert es schnell, dass man Personen mit Suchtkrankheiten verurteilt oder anhand ihres Lebensstils bewertet. Auf Basis von bestimmten Normen, die besagen, was gut ist und was nicht und wie man leben kann. Aber damit grenzt man auch alle aus, die in Grauzonen leben. Das finde ich problematisch. Deswegen finde ich es gut, dass er sie erstmal annimmt, wie sie ist. Ich finde es auch sehr berührend, wie offen Violetta ihre Abgründe zeigt. Denn wir alle haben Abgründe. Und es würde uns allen oft besser gehen, wenn wir offener mit ihnen umgehen würden, statt sie permanent zu unterdrücken oder über andere zu urteilen.
Ist Alfredo da komplett urteilslos?
FK: Er stolpert ziemlich unvoreingenommen in diese Situation, ist vielleicht auch wegen seiner Unerfahrenheit mutig. Er denkt: „Ich gehe da jetzt einfach rein und versuche zu unterstützen und dann schaffen wir das.“ Violetta komplett aus ihrem sozialen Umfeld zu lösen ist ein Weg, der hochgradig infrage zu stellen ist. Damit bewertet er auch, dass das Land das bessere Umfeld ist, um die Beziehung zu leben. Und isoliert sie. Gleichzeitig ist es für ihn auch eine Bestätigung seines Männlichkeitsbildes, ihr Retter in der Not sein zu können. In der Inszenierung ist es so, dass Violetta wieder der Sucht verfällt, nachdem sie Alfredo verlässt und in die Stadt zurückkehrt. Das ist für ihn besonders bitter, denn er war sich sicher, dass er sie durch seine Liebe und durch sein Verhalten aus der Sucht gerettet hatte. Ihr ein besseres Leben geboten hat. Neben seiner Eifersucht kränkt ihn die Trennung also auch in seinem Stolz.
Einerseits ist Alfredo sehr unvoreingenommen, andererseits legt er Wert auf gängige Geschlechterrollen. Wie passt das zusammen?
FK: Wenn man sich anschaut, was er für einen Vater hat und wie er aufgewachsen ist, macht sein Männlichkeitsbild schon Sinn. Alfredo kommt aus einem mit harter Hand regierten Haus, in dem Gewalt sicher ein gängiges Mittel war und in dem sein Vater ihn gut indoktriniert hat. Daraus ergibt sich ein Konflikt zwischen seiner Herkunft und der Liebe zu dieser Frau, die aus einem ganz anderen Umfeld kommt. Einem Umfeld, das Alfredo nicht geheuer ist und dem er nicht gewachsen ist. Denn dadurch, dass er sich in dieser hedonistischen, städtischen Welt nicht auskennt, spürt er immer eine gewisse Unsicherheit und auch Eifersucht. Am Ende des 2. Akts gibt es diesen Ringkampf zwischen Dämon und Alfredo, auf Floras Maskenball. Für mich sind das die Schatten der Beiden, also Violetta und Alfredo, die kämpfen: auf der einen Seite der Stier, kämpferisch und hypermaskulin, und auf der anderen Seite dieser ungreifbare Dämon, der ihn an der Nase herumführt und mit ihm spielt, ihn letztendlich demütigt.
Demütigung und Maskulinität sind ja oft eine ganz schlechte Mischung…
FK: Bei Alfredo löst das sehr starke Emotionen aus, die am Ende von Floras Maskenball explodieren. Da ist Alfredo auch gar nicht sonderlich sympathisch. Indem er ihr das Geld, mit dem er sie eigentlich befreien wollte, entgegenwirft, wird er von Beschützer zu Täter. Dramaturgisch ist das ein Höhepunkt, die Fallhöhe ist riesig. Menschlich gesehen ist es aber einfach super dreckig. Die Szene zeigt auch Alfredos anerzogenes Gewaltpotenzial. Er fragt Violetta ja: „Wie würde sich das denn anfühlen, wenn ich deinen Beschützer umbringe?“ Er ist sich seiner Aggression und seiner männlichen Macht da schon sehr bewusst und nutzt sie auch bewusst. Das ist schon perfide. Und wirklich nicht die feinste Art. Aber es ist auch zutiefst menschlich: Er will provozieren, will seinem Schmerz Luft machen. Ich finde es ein bisschen schizophren, dass der Vater dann kommt und den Jungen so von oben herab ermahnt, obwohl er einen Riesenanteil an seinem Verhalten und am Zerfall dieser Beziehung hat. Das ist ein Moment, der für mich auch zeigt, was für ein Versager dieser Vater ist, zumindest aus heutiger Sicht.
©Lena Bils (Grzegorz Pelutis, Julia Araújo, Ferdinand Keller, Opernchor, Ensemble)
Eigentlich ist der Vater ja an allem schuld, oder?
FK: Naja. Natürlich befindet sich Alfredo in einer Ausnahmesituation und weiß nicht, was wirklich am Laufen ist. Aber er kennt auch Violetta und seinen Vater; hätte sicherlich darauf kommen können, dass etwas nicht stimmt. Stattdessen lässt er seinen Emotionen freien Lauf und stellt Violetta vor allen bloß. Aber man muss auch sagen: Violetta ist an der Situation auch nicht unschuldig. Sie hätte auch ehrlich mit ihm sein können, ihm vertrauen können, statt hinter seinem Rücken alle Entscheidungen zu treffen und sich als Frau für ihn zu opfern. Aber so ist es halt. Und auch das ist zutiefst menschlich. Letztendlich wirft es die Frage auf: Wie viel Liebe braucht es, um diese Welten miteinander zu verbinden? Wie lange muss eine Liebe gelebt sein, damit man sich vertraut?
Denkst du, Alfredo findet eine Antwort auf diese Frage?
FK: Ich glaube, er wächst total an dieser Beziehung. Auch wenn Violetta letztendlich stirbt, bleibt ihm diese Liebe zu ihr. Und die hat ihn verändert. Ich würde ihm auf jeden Fall wünschen, gut zu trauern und nicht in eine negative Haltung zu rutschen. Dass er nicht sagt: „Das ist eine Welt, in der alles nur Schall und Rauch ist. Ich gehe wieder zu meinem Vater zurück und werde auch zu so einem verbissenen Typ, der nur seinen sozialen Stand erhalten möchte.“ Dass er das, was Violetta ihm gegeben und gezeigt hat, annimmt, zeigt sich auch schon in der Musik am Ende. Gerade in „Parigi, o cara“ ist diese virile, maskuline Art, die er am Anfang hatte, weg. Stattdessen wird er weich und zart. Ich sehe da auch keine Wut mehr. So spiele ich das auch.
© Lena Bils (Julia Araújo, Ferdinand Keller)
Ist das einer deiner Lieblingsmomente?
FK: Ich finde Alfredos Ende wahnsinnig stark. Da ist der Subtext so komplex und ich mag die Musik sehr. Als Darsteller finde ich auch das Ende des 2. Akts großartig, wegen der großen Fallhöhe. Er rennt ins Verderben, und es gibt kein Aufhalten. Ich meine: Er liebt diese Frau, und dann kommt es zu dieser bodenlosen Bloßstellung. Das ist für mich Alfredos Abgrund, den wir zu Gesicht bekommen – ein Abgrund, der schon vorher immer wieder durchgeblitzt ist und hier mit voller Wucht sichtbar wird. Alfredo ist in dem Moment so wütend, so zornig, es fehlt eigentlich nicht viel, dass er Violetta zermalmt – die Musik drückt dieses Gefühl auch sehr stark aus. Das ist für mich eine der stärksten, aber auch anspruchsvollsten Szenen. Eigentlich mag ich die ganze Kurve, von Ende des 2. Akts bis zu „Parigi, o cara“ sehr.