Zum Welttheatertag
Zum Welttheatertag am 27. März teilt auch das Stadttheater Gießen die Botschaft der Regisseurin Mina Salehpour und des Regisseurs Faramarz Ramezanian. Faramarz wurde wegen seines Engagements bei #WomanLifeFreedom im Iran inhaftiert.
„Wir brauchen eine Art inneren Zufluchtsort, um diese Welt ertragen zu können“, schreibt er.
Und wenn wir heute, hier an einem deutschen Stadttheater, diesen Zufluchtsort kreieren, auf sauberen Probenbühnen, ohne Angst vor Bombeneinschlägen und ohne die Furcht, für das, was wir tun, politisch verfolgt zu werden, dann denken wir an ihn. Und an all die anderen Kolleg*innen auf dieser Welt, die das, was sie denken, fühlen, träumen auf irgendwelche Bretter bringen. Einfache oder prächtige. Egal.
Sich der Wirklichkeit stellen, um ihr etwas entgegenzusetzen: Humor, Wut, Zauber, Illusion, Schönheit. Darum geht es im Theater. Und vielleicht brauchen wir das in diesen Zeiten ganz dringend. Ein Stückchen Gegenwelt; überall auf der Welt.
Wir brauchen auch den Abgleich mit der Wirklichkeit. Während wir wichtige Geschichten auf der Bühne erzählen, uns fiktional beschäftigen mit Ungerechtigkeiten, mit Spannung, mit Unvereinbarkeiten, mit Lebensentwürfen, mit heiteren Liebesgeschichten und heftigen Auseinandersetzungen, während wir „DRUCK!“ probieren, „Gärtnerin aus Liebe“ und „Das Opferfest“, geschehen Dinge, die wir nicht glauben können und wollen.
Wie die Geschichte von Erol, der als geflüchteter Kurde aus Syrien nach Gießen kam, rasend schnell Deutsch gelernt hat, eine weiterführende Schule besuchte, erfolgreich abschloss, sich um eine Lehrstelle als Pflegekraft bemühte und sie bekam und der nun, aus der Ausbildung, aus dieser Stadt und aus seinem Leben hinaus abgeschoben werden soll. Erol hat am Stadttheater Gießen in dem Projekt „Herr der Fliegen“ auf der Bühne gestanden, hat das Publikum in den Produktionen „curlew love songs“ und „Zauberdings“ durch Gießen geleitet. Erol ist ein Beispiel für Mut und Fleiß und Zuneigung und eine mehr als gelungene Geschichte von Integration. Erol hat mit uns für dieses Theater gearbeitet. Erol ist ein Kollege. Erol ist keine Geschichte. Erol ist ein Mensch. Ein Mensch hinter den Nachrichten von „erfolgreicher Bekämpfung illegaler Migration“.
Mich macht das ratlos und wütend. Und ich fürchte um all diejenigen, die unser Theater und unsere Gesellschaft reicher machen, um die Künstler*innen, die hier den „inneren Zufluchtsort, um die Welt ertragen zu können“ bereiten, mit ihren Biografien und ihren Persönlichkeiten. Menschen, für die dieses Land und diese Stadt aber kein Zufluchtsort sein soll. Obwohl sie sich engagieren, einbringen, Jobs machen, die es braucht. Im Theater und in der Wirklichkeit. Menschen, wie Erol.
Als Theaterleiterin habe ich Erols Petitionsantrag unterstützt, der leider abgelehnt wurde. Eine Ausbildungsduldung kann aber erteilt werden. Dafür engagieren sich Bürger*innen dieser Stadt, die wollen das Erol bleibt. Ich will das auch.
Am Dienstag, 31. März um 15 Uhr gibt es eine Kundgebung am Berliner Platz.
Simone Sterr