Wie spricht Widerstand?
Es beginnt nicht mit einer großen Tat, einem Aufstand, einer Demonstration, keinem klaren Entschluss. Es beginnt mit Gesprächen, mit dem Zusammensein, Verhandeln und Diskutieren. Im Zentrum des Stückes DRUCK! von Arad Dabiri stehen Politik, Gewalt, Freundschaft und Familie. Der Bruder der Figuren Shirin und Hassan sowie Freund der Gruppe um die Figuren Omar, Murat und Freddie wurde inhaftiert. Sein Urteil steht aus. Mit dieser Situation entfaltet das Stück den Konflikt um politisches Handeln und die Lenkung des eigenen Schicksals.
Schon beim Lesen des Stückes fällt auf: Die Sprache dieses Textes ist außergewöhnlich. Sie folgt nicht strikt der klassischen Form des Mimetischen, in dem ein Dialog einem anderen folgt. Stattdessen entsteht eine Sprache, die rhythmisch ist, poetisch, beinahe musikalisch. Versartig beginnen Gedanken, brechen ab und setzen neu an. Dadurch entsteht eine Form, die fast schon an Spoken Word oder poetische Prosa erinnert. Diese Form ist kein Zufall, denn sie spiegelt den inneren Zustand der Figuren und des Konfliktes selbst. Rhetorische Wiederholungen ganzer Passagen wie „Wessen Schuld ist es?“ und einzelner Motive wie „Das Blut. Das Blut. Das Blut“ verdichten die Poetik des Gedankenkreisens, der vermeintlichen Unentrinnbarkeit des Falls „aus dem sechsten Stock“ und des angenommenen Determinismus. Dabei übernehmen rhetorische Fragen fast eine appellative Funktion der Reflexion über eigene Entscheidungen und richten sich damit an Rezipient*innen: „Und was jetzt?“. Gegensätzlich stehen Licht und Dunkelheit, Hoffnung, Angst und ein tief internalisierter Defaitismus nebeneinander. Passagen mit kurzen, aneinandergereihten Sätzen evozieren Atemlosigkeit, während Passagen mit fließenden Zeilenbrüchen und Übergängen dieses Tempo durchbrechen. Die fortlaufende Gegenüberstellung von Gegensätzen spiegelt die innere Zerrissenheit der Figuren treffend.
Auch die Interpunktion des Stückes ist auffällig: Die Ausrufezeichen unterstreichen symbolisch den Druck und die Dringlichkeit der Situation: „Die Antwort! Erweckung! Showtime!“ An einigen Stellen verschmelzen die Figuren zu einem kanonisierten Klang. Die Figuren ergänzen die Sätze der anderen, Gedanken gehen ineinander über und ergeben einen fließenden Rhythmus. Mehrere Perspektiven treffen aufeinander, widersprechen sich oder ergänzen sich. In solchen Momenten entsteht etwas, das an den Chor der antiken Tragödie erinnert: ein kollektives Nachdenken über Schuld, Verantwortung und Handeln. Die Sprache wird zu einem Raum des gemeinsamen Denkens, das das Handeln vorbereitet. In der Tradition eines antiken Chors wird in diesen Momenten ein übergreifender konzeptioneller Frame geschaffen, der das Stück rahmt und kommentiert. Der Rhythmus der Sprache des Stückes evoziert nicht unbegründet eine Musikalität. Während des Schreibprozesses spielte die Arbeit des britischen Musikers Loyle Carner für den Autor des Stückes eine erhebliche Rolle. Loyle Carner ist bekannt für fließende Texte und poetische Rhythmen, die persönliche Geschichten mit gesellschaftlichen, politischen Konfliktthemen verbinden. Seine Musik bewegt sich zwischen Intimität und politischer Reflexion. Genau diese Mischung aus Poetischen und Politischen findet sich in der Sprache des Stückes wieder.
In der musikalischen Ebene der Sprache eröffnet sich ein weiterer Zugang zum Stück. Produktionsbeteiligte haben Songs ausgewählt, die sie mit den Figuren oder mit dem Stück selbst verbinden. Die dabei entstandene Playlist ist kein klassischer Kommentar zum Stück, sondern eher eine Sammlung von Stimmungen, Erinnerungen und persönlichen Assoziationen, zu der wir Sie herzlich einladen einzutauchen.
Die Regisseurin Berfin Orman suchte sich den Song „No Peace“ von The Silhouettes Project aus. Sie fügt hinzu: „Für mich waren die Zeilen ‚You can keep your judgement to yourself. We need more self-loving and self-care. Some men just need some guidance and some help.‘ besonders prägend für das Stück.“
Levent Kelleli wählte den Song „Da Enemy“ der New Yorker Hip-Hop-Gruppe D.I.T.C. als musikalische Referenz für seine Rolle Hassan: „Vor allem in der ersten Strophe geht es um die Tatsache, dass reale, alltägliche Polizeigewalt eben keinen Unterschied zwischen ökonomisch Benachteiligten und „sozialen Aufsteigern“ macht. Gegen Ende der Strophe heißt es: „I‘m through breaking laws. I don‘t sell coke anymore, I do tours. So get that flashlight out of my face. To bring me down them Jake‘s will do whatever it takes.“ Das vermeintliche Versprechen des sozialen Aufstiegs wird damit in Frage gestellt. Ich kann mir vorstellen, dass das Hassan aus der Seele spricht.“
Luca Mbiene über „Question Time“ von Dave in Bezug auf seine Rolle Omar: „Der Künstler Dave kommt selbst aus ärmlicheren Verhältnissen und hat durch die Musik einen Weg gefunden der Kriminalität zu entfliehen. Aufgrund seines reflektierenden Blicks für soziopolitische Konstrukte ist Dave ein Vorbild für Omar. In dem Song Question Time analysiert er die Lücken im System des United Kingdom. In dem Sichtbarmachen von Problemen in benachteiligten Stadtteilen, spricht er explizit Politiker*innen an.“
Atrin Haghdoust erinnert „Aua, Oh, Oh, Gringo ist sauer“ von Kitschkrieg und Gringo an seine Rolle Murat: „Der Track arbeitet mit Punchlines und verbindet in einem Sound Straßenrealität mit Humor. Das sind Elemente, die die Figur Murat stark prägen. Murat reagiert auf Konflikte und Spannungen nicht nur mit Konfrontation, sondern oft erstmal mit Witz und einer gewissen Selbstironie. Ähnlich wie im Song wird Ernstes durch Humor gebrochen, der als eine Strategie verwendet wird, als Schutz, Ventil und Mittel, Situationen zu kommentieren, ohne sich ihnen vollständig auszuliefern. Die Mischung aus Schlagfertigkeit und Provokation mit einem Augenzwinkern spiegelt genau die Dynamik der Figur Murats.“
Nils Eric Müller verbindet „Siamo Tutti“ von Disarstar mit seiner Rolle Freddie: „Freddie hat einen unglaublichen Drang etwas zu tun, aktiv zu werden und bearbeitet seinen Weltschmerz mit Gewalt (nur „Gewalt gegen die Staatsgewalt“ versteht sich). Demonstrieren kann dabei ein Ventil sein und dabei helfen, zu sehen, dass man mit der Wut und dem Schmerz nicht allein ist. Das Mittel des Widerstands ausreizen, vielleicht auch überstrapazieren, ist besser als nichts zu tun.“
Zelal Kapçik wählte „Friedensnobelpreis“ von Apsilon, der in diesem Song unter anderem den Wunsch nach Frieden und gegenseitigem Respekt verarbeitet. Zelal verbindet mit der Songauswahl mehr als nur ihre Rolle Shirin: „Dieser Song drückt für mich die Sehnsucht nach Freiheit und Sicherheit aus, welche alle Figuren in diesem Stück teilen.“
Text: Leila Zoe Drews