Wenn du mich geliebt hast, warum hast du mich verlassen?

„All I want is nothing more, to hear you knocking at my door. ‘Cause if I could see your face once more, I could die a happy man, I’m sure.“ So beginnt der Songtext zu „All I want“ von Kodaline, welcher eindrucksvoll beschreibt, wie sich Leere anfühlt, die durch einen Verlust entstehen kann.

Pro Minute sterben weltweit ca. 120 Menschen, die ihre Angehörigen hinterlassen. Die emotionale Achterbahnfahrt, die daraus entsteht, lässt sich unter Trauer zusammenfassen. Es ist eine „natürliche, gesunde und tiefgreifende Reaktion auf einen schmerzlichen Verlust“, wie die Deutsche Krankenversicherung beschreibt. Trauer ist weder linear, noch gibt es einen universellen Weg, eine Anleitung, wie man es schafft, über den Tod eines geliebten Menschen hinwegzukommen.

Die Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hat 1969 ein Modell von fünf Phasen der Trauer entwickelt: Denial, Anger, Bargaining, Depression & Acceptance (DABDA).

© Robert Schittko (Anna Huberta Präg, Germaine Sollberger)
© Robert Schittko (Anna Huberta Präg, Germaine Sollberger)

Denial

Am 6. April um 15 Uhr 14 schrieb Angie eine Nachricht an ihre Schwester Merril: „Bin gleich zu Hause.“ Aber Angie kommt nicht. Sie verschwindet ohne eine Spur.

Ein relevanter Teil des Trauerprozesses und der Trauerverarbeitung sind Beerdigungen. Das Planen einer Trauerfeier gibt den ersten Tagen und/oder Wochen nach dem Tod eines geliebten Menschen Struktur in einem Leben, das plötzlich aus der Bahn geworfen wurde. Es wird ein geschützter Raum geschaffen, in dem jegliche Emotionen der Hinterbliebenen akzeptiert sein sollten. Vor allem aber hilft die Realität einer Beerdigung, sich aus der Phase des „Nicht-wahr-haben-wollens“ herauszuentwickeln.

Wie geht man aber damit um, wenn die Leiche des*der Verstorbenen nie gefunden wurde? Wenn die Polizei einem mitteilt, dass die eigene Schwester tot sein muss, allein, weil es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass sie noch lebt? Lauren Gunderson, die Autorin von „ANTHROPOLOGIE“, hat durch ihre Protagonistin Merril eine Antwort auf diese Frage gefunden: Als Programmiererin baut sich Merril ihre Schwester als KI nach, sie erstellt sich ihren ganz eigenen, personalisierten Grief-Bot, ein Large Language Model, das ihre Schwester nachahmen soll.

Sogenannte Large Language Models (LLMs) sind KI-Systeme, die darauf ausgelegt sind, menschliche Sprache zu verstehen und zu generieren, Text zu analysieren und zu verstehen, kohärente Antworten zu generieren und sprachbezogene Aufgaben auszuführen. LLMs lassen sich aus unserem Alltag nicht mehr wegdenken, das bekannteste Beispiel ist wahrscheinlich ChatGPT von OpenAI.

 

Anger

Emotionen sind ein elementarer Bestandteil dessen, was Menschen menschlich macht. Liebe, Angst, Freude, Trauer – und an manchen Tagen Wut, Wut auf andere Menschen, aber auch Wut auf sich selbst.

Aufgrund des Vernachlässigens der Sorgfaltspflicht ihrer Mutter, nahm Merril Angie zu sich und wurde zu ihrem Vormund. Merril plagt also nicht nur die Trauer um den Verlust, sondern auch die Schuld, nicht besser für ihre kleine Schwester gesorgt haben zu können und die Last, an dem Verschwinden ihrer Schwester mindestens eine Teilschuld zu tragen. Also beschließt sie, ganz nach den Lyrics von Kodaline: Wenn sie noch einmal das Gesicht ihrer Schwester sehen kann, noch ein letztes Mal ihre Stimme hören kann, sich von Angie verabschieden kann, was ihr damals verwehrt wurde, dann wird es ihr wieder besser gehen. Dann kann Merril ihre Schuld, ihre Trauer, ihre Wut überwinden.

Es ist ein Phänomen, dass immer mehr Menschen ihre persönlichen Gespräche nicht mehr mit ihren Freund*innen, Familienangehörigen oder Therapeut*innen führen, sondern mit Chat-Bots. ChatGPT ist ein allgemeines Sprachmodell. Es gibt aber auch spezialisierte LLMs für bestimmte Themen, unter anderem KI-Trauerbegleiter oder Grief-Bots. Erstere sind, wie der Name schon sagt, Gesprächspartner, die Menschen durch ihre Trauerphase hindurch helfen sollen. Sie werden speziell mit Trauerkonversationen trainiert und sollen menschliche Trauerbegleiter ersetzen. Ein Beispiel für einen KI-Trauerbegleiter ist Aurora. Für 29 Euro pro Monat bekommt man unbegrenzten Zugang zu einem individuellen Trauergespräch, ein LLM „mit einem offenen Ohr und voller Mitgefühl.“

Eigentlich sind doch solche Chat-Bots die optimalen Trauerbegleiter. Tag und Nacht erreichbar. Unendlich emotional belastbar. Genau auf die trauernde Person abgestimmt. Wenn eine KI auf alle Informationen des Internets zugreifen kann, dann kann sie sich doch auch in alle unsere Lebenslagen und unseren Emotionshaushalt hineinversetzen.

Wo hört der Mensch auf, wo fängt die Maschine an? Oder besser gesagt, wo überschreitet die KI die Schwelle zur bewusstseinsvorgaukelnden Person?

© Robert Schittko (Anna Huberta Präg, Izabella Radić)
© Robert Schittko (Anna Huberta Präg, Izabella Radić)

Bargaining

Grief-Bots bieten im Gegensatz zu KI-Trauerbegleitern kein Trauergespräch. Stattdessen sind sie eine KI-Version der verstorbenen Person. Nach dem Tod eines verstorbenen Menschen bleiben den Angehörigen allein die Erinnerungen. Je mehr Zeit vergeht, desto schwerer fällt es oftmals, uns an Menschen zu erinnern. Vor allem im digitalen Zeitalter haben wir zahlreiche Möglichkeiten, uns andauernde Erinnerungen zu schaffen. Bilder, Videos, Sprachnachrichten. Wir schauen und hören sie uns an, versuchen uns vorzustellen, wie es sich angefühlt hat, als die verstorbene Person noch bei uns war und vielleicht können wir uns auch für einen Moment selbst austricksen und das eigene Gehirn glauben lassen, dass die Person noch unter uns ist.

Merril geht noch einen Schritt weiter: Sie baut einen Algorithmus aus Angies digitalen Daten und kreiert somit einen Angie-Grief-Bot. Je nachdem mit welchen Daten der verstorbenen Personen Grief-Bots trainiert werden, können sie sowohl die Stimme imitieren als auch das äußere Erscheinungsbild. So kann sich die KI-Version der verstorbenen Person mit der trauernden Person unterhalten oder auch als Video sichtbar werden. Merril benutzt demnach kein LLM, das darauf spezialisiert ist, ihr zu helfen ihre Trauer zu überwinden, sondern baut eine KI, die einen Menschen imitiert. Und plötzlich scheint es fast, als wäre Angie wieder da. Sie spricht, sie lacht und sie flucht. Alles wie früher. Oder?

 

Depression

„Die Entwicklung hat mich sechs traurige, betrunkene Monate meines Lebens gekostet“, gesteht Merril in ihrer Unterhaltung mit der KI-Angie. Die Entscheidung, sich einen Grief-Bot zu programmieren, ist bei Merril aus einer tiefen Traurigkeit heraus entstanden. Sechs Monate hat sie gebraucht, um nach bestem Wissen und Gewissen eine digitale Version ihrer Schwester zu imitieren.

Die meisten Menschen beschäftigen sich zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens damit, den Sinn darin zu finden. Direkt daran gekoppelt ist die Frage, was mit der menschlichen Seele passiert, wenn der Körper verstirbt. Viele Menschen finden ihren Sinn im Leben in Religion, die wiederum ganz einfache Antworten auf die Frage haben. Nach dem Tod erfolgen Auferstehung oder Wiedergeburten mit dem Ziel, das ultimative Ende zu erreichen: Das göttliche Paradies, das Nirvana, Brahma, Valhalla. Ein ewiger Ruheort. Dieser Glaube trägt seinen Teil dazu bei, den Hinterbliebenen nach dem Tod eines*r Angehörigen Trost zu spenden, immerhin weiß man ihn*sie jetzt an einem besseren Ort.

Heutzutage gibt es eine Möglichkeit, dem eigenen Wesen Unsterblichkeit zu verleihen, über die Grenzen von Religion und Glaubenssätzen hinaus. Man kann sich als KI verewigen – oder wie in Merrils Fall die eigene Schwester. Immerhin wissen wir alle: Das Internet vergisst nie. Grief-Bots bergen jedoch ihre ganz eigenen Risiken. Angefangen dabei, dass fraglich ist, wie sehr die KI der verstorbenen Person ähnelt. Statt die Trauer zu verarbeiten, verlagert man seine Aufmerksamkeit auf einen Algorithmus. Weil beim Programmieren des KI-Bots der Fokus vielleicht auf die positiven Eigenschaften der*des Verstorbenen gelegt wurde, auf die Eigenschaften, die zu Lebzeiten wertgeschätzt wurden, die die Person zu jemandem gemacht haben, der liebenswürdig war. Und dabei wurden möglicherweise die hässlichen Aspekte vergessen. Die, die einen in die Weißglut getrieben haben, die einen traurig oder ängstlich machten. Die den Menschen zu dem fehlbaren Wesen gemacht haben, das er*sie war. Die ihn*sie menschlich gemacht haben.

Was wird aber aus einer perfekten Schwester, wenn jemand den Code umprogrammiert? Wenn das Internet ausfällt oder der Server down ist? Wenn das Geld nicht mehr reicht, um das Abo zu zahlen? Dann erlebt der Mensch einen so genannten Second Loss. Der Verlust um die verstorbene Person wird ein zweites Mal durchlebt, wobei der erste Trauerprozess eigentlich noch gar nicht abgeschlossen ist.

© Robert Schittko (Germaine Sollberger, Anna Huberta Präg, Anne-Elise Minetti)
© Robert Schittko (Germaine Sollberger, Anna Huberta Präg, Anne-Elise Minetti)

Acceptance

Der Wunsch von Merril sich Angie als KI nachzubauen, entsteht vielleicht gar nicht so sehr aus dem Grund, dass Merril ihre Schwester vermisst, dass sie sich bei ihr entschuldigen will oder dass sie einen Raum braucht, in dem sie sich ein letztes Mal verabschieden kann. Vielleicht hatte sie einfach eine tiefe Sehnsucht nach Rettung. Aufgefangen zu werden. Aus ihrem Loch gezogen zu werden. Das Programmieren hat ihr genau den Anker gegeben, den sie gebraucht hat, um nicht in ihrer Trauer zu versinken.

Fraglich ist, ob die künstlich nachgebaute Version eines Menschen davor retten kann, in der eigenen Trauer zu versinken oder ob nicht die Gefahr zu groß ist, sich emotional an eine Wunschvorstellung zu binden. Vielleicht sollte man besser seine Hoffnung in etwas „Ehrlichem“ suchen. Sei es Religion, Spiritualität oder Mythologie. Oder vielleicht besteht der Sinn des Lebens auch einfach darin, in den Jahren, die wir auf dieser Erde haben, die bestmögliche Zeit zu erleben. Und alles, was potenziell danach kommen könnte, übersteigt unsere Kompetenzen.

„Es kann nicht ändern, was passiert ist, es kann sie nicht zurückbringen. Ich kann das akzeptieren.“ So reagiert Brin als ihre Tochter Merril ihr von der KI-Angie erzählt. Wer hätte gedacht, dass eine drogenabhängige und missbräuchliche Mutter die Situation sinnvoll einordnet? Mit Akzeptanz endet die Trauer. Das bedeutet nicht, dass man den Tod seiner Liebsten endgültig wahrhaben kann. Dass man nie wieder mehr wütend oder tieftraurig sein wird. Aber es bedeutet, dass es langfristig bergauf geht. Dass sich ein neuer Alltag entwickelt. Dass es weitergeht. Dass das eigene Leben noch nicht endet. Trauer ist nicht linear. Aber eines Tages wird die Sonne wieder scheinen.

Das Sterben gehört zum Leben dazu, so unerwartet und unschön es auch sein kann, wenn Menschen von uns gehen. Trauern bedeutet Verloren-Haben. Trauern bedeutet aber auch Geliebt-Haben. Antoine de Saint-Exupéry, der Autor von „Der kleine Prinz", sagte einst: „Der Tod ist die Grenze des Lebens, nicht aber der Liebe.“ Und der nächste Schritt ist, sich von den negativen Emotionen zu befreien. Selbst wenn es für Merril noch lange keinen strahlenden Sonnenschein gibt, dann vielleicht wenigstens einen Regenbogen, der das andauernde Grau durchbricht.

 

 von Leonie Tonkel


ANTHROPOLOGIE

Schauspiel von Lauren Gunderson
Aus dem Englischen von Ulrike Syha
DEUTSCHSPRACHIGE ERSTAUFFÜHRUNG
PREMIERE 08. NOVEMBER 2026

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