Zum Welttanztag am 29. April

Von Constantin Hochkeppel

[English below]

Einer der intensivsten Momente, die ich im Theater erlebt habe, war die Aufführung von „HARMONIA“, einem inklusiven Tanzstück der Kompanie „Unusual Symptoms“ am Theater Bremen, das seit mehreren Jahren durch Europa tourt. Tänzer*innen mit und ohne Behinderung teilen sich eine Bühne und untereinander die pure Freude an Bewegung. Schon nach wenigen Minuten war ich in den Bann gezogen. Diese überbordende, unbändige Leidenschaft am Tanzen – die Diversität nicht als Defizit ansieht, die keine Grenzen im Körper kennt, keine Grenzen in der Sprache, Hautfarbe, Identität, Alter und im individuellen Ausdruck – riss das gesamte Publikum mit. Wir glucksten vor Freude, unser Lachen sprudelte förmlich aus uns heraus, genauso wie die Tränen, man könnte sagen: mit unserem ganzen Körper lebten wir mit. Das, was wir dort bezeugen durften, war gelebte, getanzte Utopie. Und diese Utopie einer freudvollen, friedvollen, lebendigen, liebevollen Gemeinschaft nicht nur zu sehen, sondern zu fühlen, treibt mir jetzt, wo ich nur daran denke, immer noch die Tränen in die Augen.

Darin liegt die Kraft von Tanz. Das ist, was Tanz kann. Das ist, wofür Tanz steht. Der Welttanztag am 29. April erinnert uns daran.

Dort, wo Freiheit beschnitten wird, ist Tanz Rebellion. Bewegung, die sich über Grenzen hinwegsetzt, wird zum Affront, zum politischen Ausdruck. Wir sehen es immer wieder: Menschen, die auf Demonstrationen tanzen, und den Körpermauern staatlicher Gewalt ihre Menschlichkeit entgegensetzen; Menschen, die auf der Suche nach Freiheit und Leben die Fiktion nationaler Grenzen in Frage stellen; oder die Menschen mit Rollstühlen, die über die Straßen Deutschlands fahren, auf der Suche nach einem barrierefreien Eingang, und von den Löchern darin unsanft durchgeschüttelt werden.

Tanz ist Freude an der Bewegung, Ausdruck von Identität und eben auch Kultur. Wo nicht getanzt werden darf, wird Kultur unterdrückt. Tanz ist Kommunikation. Wo nicht getanzt werden darf, wird Verbindung unterbunden, wird gezielt das Erbe unserer Ahnen zerstört. Denn in den allermeisten Fällen ist Tanz nicht dokumentiert, sondern wird verkörpert weitergegeben. Wo nicht getanzt wird, verliert die Gesellschaft einen großen Teil ihrer Vergangenheit und ihres Körperwissens. Menschen, die sich zusammentun und rebellieren, tanzen. Deswegen ist der Internationale Tag des Tanzes nicht nur reine Feierei, sondern Mahnung, kein eitles Getue der Kunstblase, sondern Erinnerung an Gesellschaften in Unfreiheit und lustvoller Aufruf zum Widerstand. Tanz ist grenzüberschreitend und international per definitionem – auch in der Tanzsparte an unserem Theater: unser 14-köpfiges Team, vom Ensemble bis zur Assistenz, kommt aus elf verschiedenen Nationen. Wir sprechen Englisch, Deutsch, Taiwanesisch, Italienisch, Mandarin, Französisch, Kantonesisch, Bulgarisch, Polnisch, Schwedisch, Dänisch und Rumänisch. Und das ist wundervoll. Tanz ist gelebte Weltgemeinschaft. Wir arbeiten miteinander, müssen uns verständigen, müssen uns verstehen und gemeinsam an einem Strang ziehen. Und vor allem können wir miteinander lachen und unterstützen uns gegenseitig in schwierigeren Zeiten.

Wollen wir den professionellen Tanz in Deutschland erhalten, braucht er finanzielle Unterstützung. Ob an Theaterhäusern oder in der Freien Szene. Gerade die selbstständigen Tanzkünstler*innen leiden unter den massiven Kürzungen in der Kulturbranche. Ganze Existenzen stehen vor dem Aus. Nein, der professionelle Tanz ist kein Hobby (wobei auch dieses Hobby in Tanzschulen nachgegangen wird, die von den Kürzungen betroffen sind). Bühnentanz ist Hochleistungssport und bedarf einer langen Ausbildung, Technik, Ausdauer, Disziplin und Willenskraft, und ein ständiges Hinterfragen und Anpassen des Körpers und seiner Veränderungen. Tänzer*innen gehen jeden Tag „all in“ mit ihrem Körper, riskieren ihre Unversehrtheit, richten ihren gesamten Tagesablauf, ihren Lebensentwurf danach aus, den Tag über körperlich proben zu können, am Abend die Vorstellung zu tanzen. Eat, sleep, dance, repeat. Das muss in geschützten Räumen von Institutionen unterstützt werden. Dafür braucht es vor allem Geld. Auch der Zugang für Menschen mit Behinderung muss ausgebaut werden. Der physische Zugang auf der einen Seite. Dazu kommt aber auch der mentale Zugang zur barrierefreien Ausbildung von Tänzer*innen mit Behinderung. Denn: auch auf der Bühne muss Diversität in all ihren Formen sichtbarer werden. Und da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen.

Dass es Theaterhäuser gibt, die immer noch keine barrierefreien Zugänge für Publikum vorne und für Künstler*innen hinten haben, ist eine Schande – der Wille ist in vielen Fällen vorhanden. Oft, wie auch am hiesigen Stadttheater, scheitert es an bürokratischen Hürden (der Denkmalschutz!) und fehlendem Geld. Das ist schlicht nicht nachvollziehbar, nicht tragbar.

Jeder Mensch kann tanzen. Jeder Mensch sollte tanzen dürfen. Und jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, an und mit Tanz Teilhabe zu genießen.

Zum Internationalen Tag des Tanzes wünsche ich mir, dass Sie sich ein paar Minuten Zeit nehmen, sich ihr Lieblingslied anmachen, die Augen schließen und sich bewegen. Ob in ihrem Sessel oder in der U-Bahn, im Wohnzimmer oder im Café. Fühlen Sie die Freude, die sich dabei in Ihrem Körper breit macht. Und spüren Sie die Freiheit. Ihr Körper gehört Ihnen. Das ist ein hohes Gut. Das ist ein Privileg.

Am Ende des eingangs beschriebenen Stücks übrigens, stand ein Tänzer in seinem elektrischen Rollstuhl in der Mitte der Bühne, allein, und ließ uns Teil werden an der Art, wie er auf sich aufmerksam macht, wie er kommuniziert: Er hupte. Mit zunehmender Euphorie. Einmal. Ein zweites Mal. Beim dritten Mal kam das Hupen nicht mehr von ihm. Sondern aus dem Publikum. Eine Zuschauerin antwortete, mit ihrem eigenen Rollstuhl. Ein kurzer Moment von freudiger Überraschung. Sie hupten kurz im Duett. Dann fuhr sie auf die Bühne, zu ihm, und die beiden teilten einen spontanen, ungeprobten Moment von uneingeschränktem Verständnis, gemeinsamer Freude, ich würde sogar sagen, Liebe – und so tanzten sie miteinander, als das Licht langsam ausging.

In so einer Welt will ich leben.

In diesem Sinne: Ich wünsche uns einen fried- und freudvollen Internationalen Tag des Tanzes. Happy Welttanztag!


International Dance Day on 29 April

By Constantin Hochkeppel


One of the most intense moments I have ever experienced in the theatre was a performance of “HARMONIA”, an inclusive, mixed-abled dance piece by the company “Unusual Symptoms” at the Theater Bremen, which has been touring Europe for several years. Dancers with and without disabilities share the stage and the sheer joy of movement. I was captivated within minutes. This exuberant, unbridled passion for dance – which does not view diversity as a deficit, which knows no physical boundaries, no boundaries in language, skin colour, identity, age, or individual expression – swept the entire audience along with it. We were overflowing with joy; our laughter literally burst out of us, along with the tears; you could say we were living it with our whole bodies. What we were privileged to witness there was a lived and danced utopia. And not just seeing, but feeling this utopia of a joyful, peaceful, vibrant, loving community still brings tears to my eyes just thinking about it.

That is where the power of dance lies. That is what dance can do. That is what dance stands for. International Dance Day on 29 April reminds us of this.

Where freedom is curtailed, dance becomes rebellion. Movement that defies boundaries becomes an affront, a form of political expression. We see it time and time again: people dancing at demonstrations, pitting their humanity against the bodily barriers of state violence; people who, in their search for freedom and life, challenge the fiction of national borders; or the people in wheelchairs who move through the streets of Germany in search of an accessible entrance, only to be jolted roughly by the potholes in the pavement.

Dance is the joy of movement, an expression of identity and, indeed, of culture. Where dancing is forbidden, culture is suppressed. Dance is communication. Where dancing is forbidden, connection is prevented, and the legacy of our ancestors is deliberately destroyed. In the vast majority of cases, dance is not documented, but passed on through bodies. Where there is no dancing, society loses a large part of its past and its somatic knowledge. People who come together in rebellion, dance. That is why the International Dance Day is not merely a celebration, but also a warning; not vain posturing of the art bubble, but a reminder of societies living without freedom and a joyful call to resistance.

Dance transcends borders and is international by definition – and this holds true for the dance department in our theatre: our team of 14, from the dancers to the assistants, comes from eleven different countries. We speak English, German, Taiwanese, Italian, Mandarin, French, Cantonese, Bulgarian, Polish, Swedish, Danish, and Romanian. And that is wonderful. Dance is global community in action. We work together, we have to communicate, to understand one another and pull in the same direction. And above all, we can laugh together and support one another in difficult times.

If we want to preserve professional dance in Germany, it needs financial support, both in theatres and in the independent scene. Independent dance artists in particular are suffering from massive cuts in the cultural sector. Entire livelihoods are at risk. No, professional dance is not a hobby (although this hobby is also practised in dance schools, which are affected by the cuts too). Stage dance is high-performance sport that requires extensive training, technique, stamina, discipline, and willpower, as well as constant reflection on and adaptation to the body and its changes. Dancers go ‘all in’ with their bodies every day, risking their physical well-being, structuring their entire daily routine and life around being able to rehearse physically during the day and performing in the evening. Eat, sleep, dance, repeat. This must be supported within the safe environments provided by institutions. Above all, this requires funding. Access for people with disabilities must also be expanded. Physical access, on the one hand. But there is also the need for mental access to barrier-free training for dancers with mixed abilities. Because: diversity in all its forms must become more visible on stage as well. And here, we must also take a good look at ourselves.

That there are still theatres that lack accessible entrances - both for audiences at the front and performers at the back - is a disgrace. In many cases, the will is there. Often, as with our Stadttheater, the effort is thwarted by bureaucratic hurdles (heritage protection laws!) and a lack of funds. This is simply incomprehensible and unacceptable.

Everyone can dance. Everyone should be allowed to dance. And everyone should have the opportunity to participate in and experience dance.

On International Dance Day, I hope you take a few minutes to put on your favourite song, close your eyes, and move. Whether in your armchair or on the subway, in your living room or in a café. Feel the joy spreading through your body. And feel the freedom. Your body belongs to you. That is a precious gift. That is a privilege.

At the end of the piece I described at the beginning, a dancer sat in his electric wheelchair in the centre of the stage, alone, and let us witness the way he draws attention to himself, the way he communicates: he honked. With growing euphoria. Once. A second time. The third time, the honking no longer came from him, but from the audience. A woman in the audience responded, using her own wheelchair. A moment of joyful surprise. They honked briefly in unison. Then she drove onto the stage, towards him, and the two of them shared a spontaneous, unrehearsed moment of complete understanding, shared joy – I would even say love – and so they danced together as the lights slowly faded.

That is the kind of world I want to live in.

In that spirit: I wish us all a peaceful and joyful International Dance Day!

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