Von Abgründen und (Hass)Liebe
Dramaturgin Julia van der Horst im Gespräch mit Annika Gerhards und Magdalena Stoyanova über ihre Rollen als Violetta Válery und Il Demonio in „La Traviata“.
Annika Gerhards, Magdalena Stoyanova © Christian Schuller
Julia van der Horst: Wenn ihr unsere Inszenierung in drei Worten beschreiben müsstet, welche wären das?
Magdalena Stoyanova: Kraftvoll, emotional und sensibel.
Annika Gerhards: Märchenhaft, himmelhoch-jauchzend und zu-Tode-betrübt.
Annika, du bist unsere Violetta Válery, eine der bekanntesten Frauenrollen der Oper. Jeder Opernfan hat wahrscheinlich ein Bild im Kopf, wenn ich diesen Namen sage. Wer aber ist sie für dich?
AG: In gewisser Weise suchen wir alle Zugehörigkeit, Liebe und einen Platz, der unserer ist. Das gilt auch für Violetta. Eigentlich ist sie ein junger Mensch, der Anschluss sucht und es auf verschiedene Art und Weise in ihrem Leben geschafft hat, dieses Bedürfnis zu kompensieren, selbstständig zu werden, auf ihren eigenen Beinen zu stehen. Violetta hat schon früh gelernt, dass sie sich auf sich selbst verlassen muss. Das hat lange sehr gut funktioniert. Dann findet sie aber mit Alfredo jemanden, bei dem sie das aufgeben kann. Bei ihm findet sie Zugehörigkeit. Und ist auch ganz froh, sich endlich mal anlehnen zu können. Das macht es für sie auch so furchtbar, dass er sich am Ende so von ihr abwendet. Weil sie es zum ersten Mal geschafft hat, sich zu öffnen und dann so enttäuscht wird. Ich mag dieses Bild zum Schluss sehr, wenn sie verkrampft versucht, Alfredo festzuhalten, aber keine Chance hat. Tief drin ist sie eigentlich ein Kind, das unbedingt in den Arm genommen werden möchte, aber immer alleine gelassen wird.
Wir stellen Violetta sehr zeitlos dar, positionieren sie teilweise aber auch in für uns greifbarere Kontexte. Unsere Violetta hat keine Schwindsucht, sondern ein Suchtproblem. Magdalena, du spielst Il Demonio, Violettas Dämon – eine Personifizierung ihrer Abgründe. Wer ist diese Figur für dich?
MS: Für mich ist der Dämon keine böse Figur, ich sehe ihn eher als Violettas Befreiung. Ich will ihr helfen und sie von Schmerz und Leid befreien. Ich bin eine begleitende Figur, die Violetta unterstützt. Und wenn sie mich braucht, bin ich da. Aber wir kämpfen auch miteinander, wie in der Arie mit den Flaschen im ersten Akt. Da haben wir eine Gegenenergie, bei der man sich nicht ganz sicher ist: Kämpfen sie jetzt miteinander oder ist es ein Spiel? Für mich ist diese Figur sehr spannend, weil er – oder sie, oder es – immer unsichtbar, aber trotzdem sichtbar ist. Das ist sehr fordernd. Ich muss ganz klar sein in dem, was ich tue, muss mit wenigen Bewegung und ohne Stimme ganz klar meine Message rüberbringen. Unsichtbar aber trotzdem sichtbar sein, dass ist wie schreien ohne Stimme.
Welche Beziehung haben Violetta und Dämon zueinander?
AG: Das hat manchmal etwas von einer Symbiose. Ich habe letztens etwas total Gutes gehört: Menschen, die eine Suchterkrankung haben, müssen auch immer anerkennen, dass die Sucht ihnen bis zu dem Punkt, wo sie sie loswerden wollen, etwas gebracht hat. Diese Sucht hat ihnen geholfen zu überleben. Es hat ja immer Gründe, aus denen man zu gewissen Substanzen überhaupt erst greift. Oft, um weitermachen zu können. So denke ich auch über Violetta und ihren Dämon. Da ist etwas, das Violetta natürlich nicht immer toll findet, so wie wir nie alles im Leben immer nur toll finden. Aber da gibt es diese Komponente, die ein Teil von ihr ist. Vielleicht versteht Violetta erstmal auch gar nicht, was das eigentlich ist oder, dass es ein Problem ist. Bis zu dem Punkt, an dem sie Alfredo trifft, hat ihr diese Beziehung etwas gebracht. Es hat ihr ihr bisheriges Leben so ermöglicht. Gerade das Vorspiel zum ersten Akt zeigt, dass diese Beziehung zwischen Dämon und Violetta auch etwas gegenseitig Liebevolles hat. Aber vor allem im Zusammenspiel mit Alfredo wird ihr irgendwann klar, dass das enden muss, dass es ein entweder/oder ist: Alfredo oder Dämon, Liebe oder Sucht.
Annika Gerhards, Magdalena Stoyanova © Christian Schuller
MS: Zwischen uns besteht eine Art Hassliebe. Für mich war immer wichtig, dass wir keine Duplikate voneinander sind. Der Dämon ist keine zweite Violetta. Aber er begleitet sie. Er stört sie, unterstützt sie, spielt mit ihr, treibt sie an. Er ist immer da, sogar in den Momenten, in denen ich hinter der Wand stehe und nicht sichtbar bin. Manchmal sieht man auch nur meinen Schatten. Was mir bei der Darstellung von diesem Wesen hilft, ist, dass ich die Proben die ganze Zeit von der Seite begleitet habe. Ich glaube, ich kenne alle von Annikas Szenen und Auftritte auswendig, weiß was sie wann macht.
Unterstützt der Dämon nur oder übernimmt er auch?
MS: Vor der letzten Party im zweiten Akt gibt es einen Moment, wo ich als Dämon für sie übernehme, kurz vor dem Stierkampf.
AG: In der Mitte vom zweiten Akt nimmt Violetta Abschied von Alfredo, ohne, dass er das weiß eigentlich. Da sagt sie: „Ich werde bei diesen Blumen sein.“ Für mich sagt sie da eigentlich, dass sie dort begraben sein wird. Für mich ist das etwas sehr Endgültiges. Sie kann nicht mehr bei Alfredo sein und muss ihn gehen lassen. Danach gebe ich erstmal an den Dämon ab. Wir machen uns zusammen fertig für Floras Maskenball, dann übergebe ich an sie und gehe. Fast schon, als würde Violetta sagen: „Ich kann nicht mehr da sein, ich bin das nicht mehr. Aber dann ist da wenigstens jemand anderes, den ich kenne. Ich weiß, in wessen Hände ich dich, Alfredo, gebe.“
Annika, du bist Teil unseres Opernensembles, kommst also aus dem Musiktheater. Magdalena, du bist für gewöhnlich als Teil unseres Tanzensembles zu erleben. Eigentlich kommt ihr also aus verschiedenen Bühnenwelten. Wie kriegt man das zusammen?
AG: Wir haben eigentlich immer versucht, Bewegungen und Abläufe zu finden, die für uns beide funktionieren. Für mich war es eine so herzliche und unterstützende Zusammenarbeit und eine so bereichernde Erfahrung. Violetta ist eine sehr körperliche Rolle für eine Sängerin. Diese Oper geht über zwei Stunden und ich bin fast immer auf der Bühne. Und alles was ich singe, ist schwer. Es gibt keine Stelle, an der man sich ausruhen könnte. Ich musste mich also auch extrem körperlich entwickeln über die Probenzeit. Da war es immer so hilfreich, das mit Magdalena zusammen zu machen und zu sehen wie sie, ohne Stimme, körperlich arbeitet. Ich konnte mir bei ihr viel abschauen. Und alleine schon zu zweit auf diesem kleinen Sofa zu sein, das verbindet.
MS: Das kann ich nur zurückgeben! Ich bin sehr dankbar, dass ich bei diesem Projekt dabei sein darf. Ich wollte immer irgendwas mit „La Traviata“ machen, aber bis jetzt hat es nie geklappt. Also habe ich diese Möglichkeiten ganz schnell ergriffen. Ich habe viel Respekt für Sänger*innen und das, was sie auf der Bühne leisten. Und für diese Musik. Für mich war oft weniger mehr. Viel körperlich oder choreografisch zu machen, dass geht hier nicht, finde ich. Da ist schon so viel Kraft, musikalisch und gesanglich. Da musste ich mich eher zurücknehmen und einfach mal da sein, reagieren, statt aktiv etwas zu machen. Um die Balance zu halten. Mir macht das Riesenpaß, ich liebe das wirklich. Es ist auch ganz anders als im Tanz und das ist auch das Spannende für mich, auch mal mit anderen Leuten und Kunstformen zu arbeiten. Zum Beispiel muss ich bei einer Oper auch viel mehr musikalisch abwarten, bis ich bestimmte Bewegungen machen kann. Ich kann nicht einfach nach Gefühl handeln. In Momenten, wo Annika singen muss, kann ich nichts großes, körperlich Anstrengendes mit oder an ihr machen. Da muss man ganz genau abstimmen, wann das möglich ist. Und wann nur kleine Bewegungen gehen. Man muss wirklich aufpassen, wie man mit Sänger*innen umgeht. Bei Tänzer*innen ist man da freier.
Annika Gerhards, Eleazar Rodriguez © Christian Schuller
Alfredo und Violetta sind die große Liebesgeschichte des Abends. Aber auch zwischen Dämon und Violetta gibt es Liebe. Kann das koexistieren?
AG: Mit Alfredo versucht Violetta zu verstecken, was los ist. Wenn sie zusammen auf dem Land sind, möchte sie alle Flaschen verstecken, sodass niemand etwas mitbekommt. Für sie ist es vielleicht auch leichter, ihre Abhängigkeit als etwas zu sehen, das außerhalb von ihr lebt. Als Dämon den sie weghält. Das ist leichter, als anzuerkennen, dass diese Krankheit ein Teil von ihr ist. Also sperrt sie sie weg. Deswegen geht es nicht, beide gleichzeitig zu haben. Es geht nur entweder Alfredo oder diese Sucht. In einer Beziehung herrscht idealerweise komplette Offenheit und freie Kommunikation. Das ist eigentlich das Problem. Denn Violetta ist nicht in der Lage, Alfredo zu sagen: „Schau, ich hab‘ das. Das ist mein Problem.“ Dann könnte es vielleicht eine Gleichzeitigkeit geben. Aber so schämt sie sich und will das einfach hinter sich lassen. Sie versucht wahnsinnig krampfhaft ein neues Leben anzufangen. Deshalb ist es für sie auch so furchtbar, dass sie dieser Verführung wieder verfällt. In der klassischen Setzung des Stücks gibt es ohnehin keine Rettung für sie, egal was sie macht. Sie muss sterben, weil sie diese Krankheit hat. Bei uns aber gibt es die Hoffnung, dass es anders endet. Wenn alles gut funktioniert hätte mit Alfredo, dann wäre sie vielleicht trocken geblieben. Dann hätten die Beiden das schaffen können. Das macht es eigentlich noch trauriger.
Im Vorspiel zum dritten Akt taucht ein Vogel auf. Was symbolisiert er?
AG: Der Vogel ist Violettas Seele. Ein, wie ich finde, wirklich poetisches Bild und für unsere Erzählung auch sehr wichtig und richtig. Ich mag den Moment, in dem der Vogel nochmal flattern darf, noch einmal frei gelassen wird. Da macht auch Violettas Körper noch einmal mit.
Wie funktioniert das eigentlich, dass da plötzlich Blut aus dem Vogel kommt?
MS: Der Vogel ist hohl und mit Kunstblut gefüllt. Der Kopf ist wie eine Art Deckel und wenn ich den abreiße, dann fließt das Blut. Das ist so ein Moment, der ganz leicht aussieht. Man denkt: „Sie macht da ja gar nichts“. Aber allein dieses über hundert Decken klettern…
AG: Von der jede einzelne SO wichtig ist!!! Die Decken, die müssen sein. So groß auch.
Beide lachen.
MS: Auch mit dem Vogel, den rauszunehmen, da ist wirklich viel Koordination gefragt. Ich will ja weder den Vogel noch Annika zerquetschen, halte mich dabei aber nur mit einem Arm, nehme den Vogel mit dem anderen raus und versuche gleichzeitig mit dem Kopf zu verdecken, was genau ich da mache. Das ist wirklich nicht ohne.
AG: Aber ein wunderschönes Bild.
Der Dämon entreißt ihr also ihre Seele. Und trotzdem ist er nicht böse?
MS: Der Dämon weiß von Anfang an, es wird der Moment kommen, wenn es zu Ende geht. Denn so kann es nicht weitergehen. Aber Violetta ist noch nicht bereit. Und deshalb lässt er ihr die Zeit. Als würde er sagen: „Es ist alles gut. Du kommst zu mir, wenn du soweit bist und ich befreie dich. Aber jetzt bist du nicht so weit.“ Im Vorspiel zum dritten Akt führe ich die Handlung, die ich im ersten Vorspiel schon andeute, erst aus. Aber der Dämon ist nicht der Tod. Er tötet Violetta nicht, aber heilen kann er sie auch nicht. Stattdessen befreie ich sie, weil ich sie liebe. Ich will nicht, dass sie leidet. Deswegen nehme ich ihr den Schmerz, lasse ihre Seele fliegen. Dann lasse ich sie in Ruhe und komme auch nicht mehr zu ihr. Ich komme nur wieder, um mir jemand anderen zu suchen.
Habt ihr Lieblingsmomente?
AG: Wenn es darum geht, zu genießen, dann sind es die beiden Vorspiele vor dem ersten und dritten Akt. Das sind für mich absolute Lieblingsszenen. Ich finde diese Musik so grandios schön. Ich könnte jedes Mal weinen, einfach nur vom Zuhören. Und weil ich weiß, was noch kommen wird. Zu singen ist alles toll. Die erste Arie kennt jeder, die ist ganz klar ein Highlight. Eigentlich ist der gesamte erste Akt voller Highlights. Das ist herrlich und macht echt Spaß. Beim zweiten Akt finde ich wahnsinnig toll, dass es so viel zu spielen gibt. Hier entscheidet sich alles. Für Violetta mag ich auch das Finale II extrem gerne. Ich finde, das ist auch in der Regie toll gelungen, weil man sieht, wie viel ihr diese Entscheidung, dieses Opfer abverlangt hat. Sie ist nicht einmal böse auf Alfredo, trotz seines Verhaltens. Sie ist einfach nur so leer davon, dass diese Liebe jetzt nicht funktioniert. Sie hatte sich schon verabschiedet, dann sieht sie ihn und plötzlich bemerkt sie, da ist alles noch da bei ihr. Sie wünscht sich so sehr, dass er sie rettet. Aus diesem furchtbaren Leben in das sie wieder zurückgekehrt ist. Aber er tut es nicht. Das ist so existenziell, weil diese Liebe so groß war. Der Schock ist so groß, dass Alfredo plötzlich so ein anderer Mensch geworden ist für sie. Und das finde ich auf der Bühne toll, dass ich das nicht nur wahnsinnig gerne singe, sondern auch empfinden kann. Und der dritte Akt – es ist einfach alles toll. Wirklich, ich kann das gar nicht so differenzieren, das ist eine wahnsinnige Bandbreite. Und so wunderbar, das alles machen zu können.
MS: Ich bin tatsächlich auch vom Anfang bis zum Ende hin und weg. Ich wusste ja, dass ich eine Romantikerin bin aber jetzt hat sich das bestätigt, aber sowas von. Ich mag die lange Szene zwischen Alfredos Vater und Violetta. Ich mache da sehr wenig und sitze eine Zeit einfach nur hinter ihr. Von dort kann ich zuhören, aber auch immer genau spüren, was Annika macht und empfindet. Das ist total berührend, wenn ich dann spüre, dass sie weint oder wütend wird. Ich empfinde es auch als großes Privileg, dass ich Violetta im nächsten Moment stützen darf. Das ist so eine kleine Bewegung, aber die hat so viel Bedeutung.
Annika Gerhards, Magdalena Stoyanova © Christian Schuller
Verdi hat einmal gesagt, dass er „La Traviata“ nicht trotz, sondern wegen der Kontroversen, die eine Oper über eine Kurtisane innehatte, machen wollte. Böse Zungen würden behaupten, dass diese Geschichte inzwischen überholt ist. Wie seht ihr das?
AG: Oper ist eine Kunstform – das bleibt wahnsinnig große Kunst, egal ob wir heute unsere Hörgewohnheiten geändert haben oder nicht. Die Geschichte von einem Menschen, der aufgrund seiner Person, seiner Lebensentscheidung, seines Aussehens, seiner Religion, oder sonst was von einem Teil der Gesellschaft nicht anerkannt wird, ist völlig zeitlos. Und genauso heutig wie damals. Diese Vorurteile gegenüber einer Person, die (sucht)krank ist und Sexarbeit leistet, die gibt es heute ganz genauso. Wir tun gerne so, als wäre das nicht so, aber das stimmt einfach nicht. Menschen, die ihren Kindern Druck machen und sagen, aber mit dieser Frau darfst du nicht nach Hause kommen, egal wegen welchem Merkmal, das gibt es heute, wie es das damals gab. Deswegen stellt sich mir die Frage gar nicht, ob das relevant ist. Und: Wenn es Musik gibt, die einen so bewegt, auch Menschen, die vielleicht noch nie klassische Musik gehört haben, wenn etwas eine derartige Wirkungs- und Sogkraft hat, dann hat das Relevanz.
MS: Besser hätte ich es nicht sagen können.