Feuerwerk im Kopf

Im Tanzstück „Feuerwerkskörper“ von Raimonda Gudavičiūtė wird das Gehirn zur bunten Spiellandschaft und macht Lust auf Bewegung.
Von Caroline Rohmer


Manchmal ist es ein Lied, das plötzlich was zurückholt: eine Erinnerung an einen Sommertag, ein schönes Gefühl im Bauch; unbewusst fangen wir an zu lächeln. In anderen Momenten bringt uns ein Streit zur Weißglut, und lässt Worte schneller aus dem Mund schießen, als wir denken können. Es gibt die Geistesblitze, wenn wir lange über eine Sache grübeln, und dann spüren wir, wie gerade im Kopf ein Licht angeht und die Lösung „auf der Zunge liegt“, noch bevor wir sie aussprechen können. Manchmal sagt der Bauch etwas anderes als der Kopf oder das Herz, und wir wissen nicht sofort, auf wen wir diesmal hören sollen.

Das alles sind Beispiele dafür, wie eng unser Kopf und Körper, unsere Gefühle und Gedanken miteinander verbunden sind, aber auch, dass alle Seiten ein Eigenleben haben. Die Schaltzentrale dieser Verbindungen ist das Gehirn. Und das ist kein stiller Ort. Es ist eher wie ein Rummelplatz mit vielen Lichtern, Achterbahnen und Feuerwerken, wo ganz oft auch mal umgeräumt oder ein neues Fahrgeschäft aufgebaut wird. Alles in allem ist es eine Wunderkammer: voller Fantasie, Nervenkitzel und Mut, aber auch voller Stärke und Effizienz, bereit, jedes Rätsel zu lösen. 

Das Tanzstück „Feuerwerkskörper“ der litauischen Choreografin Raimonda Gudavičiūtė ist inspiriert von dieser Wunderkammer, die das Gehirn ist. Auf der Tanzfläche, im Umriss eines Kopfes, bewegen sich drei Tänzer*innen. Sie sind wie einzelne Nervenzellen aus unterschiedlichen Bereichen des Gehirns: Feuer (= Gefühle), Werk (= bewusstes Nachdenken) und Körper (= Sinneswahrnehmungen und Bauchgefühle). Einzeln haben sie besondere Stärken, aber am schönsten ist es, wenn sie zusammenarbeiten und eng verbunden sind. Sie reagieren aufeinander, stoßen neue Signale an, senden Bewegungen weiter und bauen Stück für Stück immer stärkere Verbindungen auf. Durch sie fließen Gefühle, Kreativität und ganz viel Körperbewusstsein. Im Bühnenbild von Medilė Šiaulytytė erinnern bunte Seile und Seilknäuel an Nervenbahnen und sprichwörtliche Knoten im Kopf. Dann wandert ein Zittern und Wackeln durch mehrere Körper und Seile und es entstehen bunte Bilder von Stromkreisen.

© De-Da Productions

© De-Da Productions

Jede Millisekunde rasen in unserem Gehirn Billionen elektrische Signale durch Milliarden von Nervenzellen. Zwischen ihnen liegen Synapsen, die winzigen Verbindungsstellen, an denen Informationen weitergegeben, verändert oder gestoppt werden. Besonders die Zeit des Erwachsenwerdens ist eine Phase großer Umbauten an diesen Synapsen. Das Gehirn verdrahtet sich neu. Manche Verbindungen werden stärker, während andere verschwinden. Es braucht eine Weile, bis die Bereiche, die für Impulskontrolle und bewusstes Nachdenken zuständig sind, mit den Gefühlsregionen eng verbunden sind. Während diese Leitungen gerade ausgebaut werden, sind die Gefühlsrutschen schon von Kindheit an gut geölt. Und dann steht schnell mal alles Kopf, alles scheint neu oder es ist zu viel. Deswegen ist Erwachsenwerden so intensiv. Aber es ist gleichzeitig die beste Zeit, um kreativ zu denken, neue Dinge ohne Scheu und Scheuklappen zu erforschen und die Welt damit zu verändern – etwas, das sich Erwachsene manchmal sehnlichst zurückwünschen.  

Besonders in jungen Jahren hinterlassen Erfahrungen tiefe Spuren im Gehirn. Der Neurowissenschaftler Daniel J. Siegel beschreibt in seinem Buch „Brainstorm“ wie intensiv Jugendliche auf neue Erlebnisse, Zugehörigkeit und Wiederholungen sinnlicher Reize reagieren. Deshalb begleiten uns beispielsweise manche Songs ein Leben lang. Man spricht von „Music Memory“, ein noch nicht klar wissenschaftlich definierter Begriff für das Phänomen, dass gerade Musik Gefühle besonders nachhaltig im Gehirn speichern kann. Ein einziger Takt kann Jahre später plötzlich ein bestimmtes „Lebensgefühl“ zurückholen. Das Gehirn speichert eben nicht nur Fakten, sondern auch Emotionen, Atmosphären und Körperzustände. Auch „Feuerwerkskörper“ arbeitet mit solchen Erinnerungsräumen. Die Bilder auf der Bühne wirken manchmal wie innere Landschaften, die man als erwachsener Mensch vielleicht nostalgisch wahrnimmt.

Warum verlieren wir dieses intensive Wahrnehmen später oft wieder? Der Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt beschreibt, dass unser Gehirn im Alltag darauf getrimmt wird, vor allem das Bekannte wahrzunehmen. Routinen helfen uns zwar, Energie zu sparen, gleichzeitig filtern sie aber vieles andere heraus. Wege, Geräusche, Gesichter und Bewegungen verschwinden mit der Zeit im Autopilot. Wirklich lebendig fühlen sich dagegen die Momente an, in denen etwas unerwartet passiert: wenn wir staunen, etwas Neues entdecken oder unsere Aufmerksamkeit plötzlich verschoben wird. Fritz Breithaupt empfiehlt, im Alltag die Augen offenzuhalten für Besonderheiten. So fühlt sich das Leben reich an und wir machen uns die erstaunliche Fähigkeit des Gehirns zunutze, sich ein Leben lang umzubauen und in den Nervenverbindungen neu zu verästeln.

Die Kunst kann dazu beitragen. Denn sie schafft Situationen, die unsere Wahrnehmung neu ausrichtet. Beim Tanzen werden zudem fast alle Bereiche des Gehirns aktiviert: Gleichgewicht, Koordination, Rhythmus, Orientierung, Reaktion, Erinnerung und Emotion. Wenn wir anderen Menschen beim Tanzen zuschauen, werden sogar ähnliche Bereiche in unserem eigenen Gehirn aktiv. Vielleicht berührt uns Tanz deshalb so unmittelbar und schafft es, ohne Worte einen gemeinsamen „Vibe“ im Raum zu kreieren.

Pin-Chen Hsu, Sam Yuen und Maja Mirek © De-Da Productions

Pin-Chen Hsu, Sam Yuen und Maja Mirek © De-Da Productions

In „Feuerwerkskörper“ werden die Gegensätze, aber auch die Balance zwischen Explosion und Ordnung, zwischen Fülle und Leere immer wieder in der Choreografie der Körper und Seile sichtbar. Aber es geht auch um die Zusammenarbeit zwischen dem Gehirn und dem restlichen Körper. So besitzt auch der Darm ein eigenes „Bauchgehirn“. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung: all das beeinflusst unser Denken und umgekehrt. Als Erwachsene verlernen wir oft, diese Verbindungen und Einflüsse bewusst wahrzunehmen und alle Anteile gleichermaßen ernst zu nehmen.

Im Tanzstück „Feuerwerkskörper“ machen die Tänzer*innen diese Anteile sichtbar. Gemeinsam zelebrieren sie, dass jeder Mensch einzigartig fühlt, denkt und wahrnimmt – so wie auch kein Gehirn exakt einem anderen gleicht. Das Feuerwerk ist ein Bild dafür, dass wir alle unterschiedlich sind, und wir zugleich in uns viele Farben haben, die wir zum Leuchten bringen können. Am Ende verströmen die Tänzer*innen eine Energie wie Feuerwerkskörper und Licht blitzt auf wie elektrische Entladungen. Zwischen kreativem Chaos, Spannung und Freude entsteht so der gleichzeitig vertraute und ungewöhnliche Blick in unser Innenleben.

Zwei kleine Übungen für neugierige Gehirne und jedes Alter

1. Entdeckungstour

Suche dir einen Weg aus, den du oft gehst: zur Schule, zur Arbeit oder zum Supermarkt. Überlege dir, nach welcher Besonderheit du diesmal Ausschau hältst: Vielleicht alles, was rot oder ein Kreis ist. Vielleicht nach Gesichtern, die plötzlich in Häusern, Steckdosen oder Baumrinden auftauchen. Oder du achtest auf Bewegungen, die sich wiederholen wie kleine Choreografien. Das Gehirn liebt Muster. Je genauer du hinschaust, desto mehr Verbindungen erscheinen dir.

2. Choreografie und Empathie

Setz dich für ein paar Minuten auf eine Bank und beobachte die Menschen und Objekte um dich herum.
Betrachte sie zunächst nur als Bewegung im Raum: schnell, langsam, kantig, fließend, schwerfällig oder federnd. Finde Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Stell dir vor, welche Bewegungen zusammenhängen, wie bei einer Kettenreaktion. Welche Muster erscheinen in dieser Alltagschoreografie?
In einem zweiten Schritt stell dir vor, was diese Menschen gerade denken oder fühlen. Mach dasselbe mit Tieren, Pflanzen oder sogar einem Zug, der vorbeifährt. Vielleicht wirkt der Zug plötzlich müde. Vielleicht sieht der Baum aus, als würde er sich strecken. Lass daraus eine kurze Geschichte entstehen.
Diese Übung schärft nicht nur den choreografischen Blick, sondern auch unser Mitgefühl für andere Lebewesen und die Welt um uns herum.

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