Dieser Herzschlag setzt nie aus: Theater trotz Hackerangriff
Liebes Publikum,
vor wenigen Wochen ging es an dieser Stelle um das Verhältnis von Kunst und den Errungenschaften der digitalen Welt.
Mitten im Gebrause der Welt zu stehen und dabei das Privileg zu besitzen, zu beobachten und zu beschreiben, ohne selbst niedergerissen zu werden von den Wirbeln der Wirklichkeit - das ist eine schöne Vorstellung und eine gute Position für die Kunst und ihre Künstler*innen. Die Systeme, die uns mittlerweile zur Verfügung stehen und die sich rasender als jeder Sturm entwickeln, sind in der Lage, uns diese Position streitig zu machen.
Nun hat uns – wenige Tage vor Saisonende – solch ein rasender Sturm gewaltig niedergerissen. Das Stadttheater Gießen wurde Angriff eines umfassenden, hochprofessionellen Hackerangriffs. Sämtliche, sich auf Servern befundene Daten und deren Sicherungen sind betroffen, die digitalen Kommunikationswege lahmgelegt.
Ein Schock für ein Haus, das sich in den letzten Jahren mit Digitalität und Nachhaltigkeit intensiv beschäftigt, an dieser Stelle stark investiert hat und sehr gut aufgestellt war. Auch im Hinblick auf Sicherheit. Aber es gibt keine 100-prozentige Sicherheit in Systemen, die durchlässig bleiben müssen; es gibt keine offene Gesellschaft ohne Kriminalität; es gibt keinen Fortschritt, ohne das Risiko, dass er verbrecherisch genutzt wird. Die Werkzeuge, die der intelligente Homo Sapiens entwickelt, macht der gemeine Mensch zu Waffen.
Da das Theater nicht spezifisch als Theater ins Visier einer Hackerbande geraten ist, sondern schlicht als Betrieb, dessen Zahlenwerk in ein Beuteschema passt, wurde das Herzstück unserer Arbeit nicht verletzt: die Bühne. Der Kartenverkauf und alle technischen Abläufe, die wir brauchen, um Theater zu spielen, funktionieren. Und das tun wir. Dieser Herzschlag setzt nie aus.
Die Mitarbeiter*innen des Stadttheaters haben in den letzten Tagen alles darangesetzt, den Bühnenbetrieb aufrecht zu erhalten. Und das werden sie auch nach der Sommerpause tun. Eine Kommunikationsabteilung, die nicht mehr auf Fotos, Schriften, Farben und Vorlagen zurückgreifen kann, eine Pressereferentin, die ihre E-Mail-Verteiler nicht mehr zur Verfügung hat, ein Betriebsbüro, dessen Disposition für die kommende Saison komplett verloren ist und das Probenpläne mit der Hand schreibt, eine Verwaltung, deren Buchhaltung neu aufgesetzt werden muss, ein Orchesterbüro, das sämtliche Noten zur Einstudierung der Werke der kommenden Saison neu zu beschaffen hat, eine technische Direktion, die Bühnenpläne rekonstruiert, ein Abo-Büro, das auf anderem Weg Aboausweise druckt, als bisher, die Referentin der Intendanz, der die Vertragsanweisungen für alle Gäste fehlen: alle tun das Beste. Vielleicht läuft nicht alles rund, vielleicht gibt es Verzögerungen, vielleicht gibt es ein paar Dinge, die Sie gewohnt sind nicht oder anders. Aber: das Herzblut fließt. Das Theater lebt: bei der Wiederaufnahme von „Kirsas Musik“ am 15. August; mit einem großen Konzert auf dem Schiffenberg am 19. August; auf der Sommerbühne ab dem 20. August; beim Theaterfest am 23. August; beim 1. Sinfoniekonzert am 27. August; bei der Wiederaufnahme von „The Addams Family“ am 29. August; bei der ersten Premiere der Saison „Jakob der Lügner“ am 12. September und bei allen Formaten, Sonderveranstaltungen und Workshops, die wir ab Mitte August wieder starten.
Bis dahin
Simone Sterr