Künstliche Intelligenz, Empathie und eine nachhaltige Kultur der Zukunft

Mit dem rasanten Aufstieg leistungsfähiger KI-Systeme stehen nicht nur Wirtschaft und Wissenschaft, sondern auch Kunst, Kultur und unser Menschenbild vor tiefgreifenden Veränderungen und großen Herausforderungen. Der Komponist, Regisseur, Klangkünstler und Dramaturg Patrick Schimanski ist am Stadttheater Gießen Leiter der Abteilung für Digitale Prozesse. Im folgenden Beitrag reflektiert er über Künstliche Intelligenz als zivilisatorische Weggabelung unserer Zeit.

Die letzte Grenze: Emotion, Empathie und irgendwann Bewusstsein

Eine der tiefgreifendsten Verschiebungen vollzieht sich dort, wo man sie lange für unmöglich hielt: im Bereich von Emotion und Empathie. Der Philosoph Markus Gabriel[1] weist darauf hin, dass der eigentliche Durchbruch aktueller KI-Systeme weniger in ihrer Rechenleistung liegt als in ihrer Fähigkeit, menschliche Emotionen zu erkennen, vorherzusagen und zu beeinflussen.

KI ist nicht nur rational überlegen – sie wird zunehmend »emotional schlau«. Durch Mustererkennung kann sie beispielsweise emotionale Ausdrucksformen präzise einordnen und verstärken. KI dringt damit in den Kern menschlicher Interaktion vor. Die Systeme fungieren als Verstärker existierender menschlicher Verhaltensmuster. Sie halten uns als Individuen einen Spiegel vor, der uns »ohne unsere Illusionen« zeigt, so wie wir wirklich sind. Einerseits können sie uns helfen, kohärenter zu werden, andererseits können sie unbewusste negative Muster (z.B. Vorurteile, moralische Mängel) festschreiben und eskalieren.

Was kann Kunst in dieser Situation leisten?

Kunst und Kultur kommen hier eine besondere Rolle zu. Nicht als bloße Kommentatoren technologischer Entwicklungen, sondern als aktive Gestalter von Haltung, Wahrnehmung und Vorstellungskraft. Kunst ist in der Lage, abstrakte Daten und Prognosen emotional erfahrbar zu machen – insbesondere im Kontext der Klimakrise. Sie übersetzt Zahlen in Bilder, Klänge, Räume und Geschichten, die berühren und damit nachhaltig wirken. Zugleich ist die Kunst gefordert, an ihrem eigenen Selbstverständnis zu arbeiten. Der seit Jahrzehnten gepflegte Wachstumsimperativ – »Mehr ist mehr« – muss hinterfragt werden.

Ein künstlerisch anspruchsvolles »Weniger ist mehr« bedeutet keinen Verlust, sondern eröffnet neue ästhetische und ethische Spielräume. Nachhaltigkeit kann enorm produktiv sein und Freude bereiten. Beschränkung im Material ist in der Kunst nichts Neues, sondern seit jeher eine Notwendigkeit.

Dieses künstlerische Handeln nachhaltig zu vollziehen ist die Aufgabe. Diese Form des »Weniger« kann Künstlerinnen und Künstler inspirieren, neue Richtungen zu gehen und bislang unbekannte Wege zu erkunden.

Menschliche Vertiefung statt technologischer Verschmelzung

Als Reaktion auf die Entwicklung der KI plädieren Gabriel und mittlerweile eine erfreuliche Anzahl von kritischen Köpfen weltweit nicht für eine technologische Fusion (z.B. Gehirn-Chips, wie es einige der Tech Oligarchen tun), sondern für eine menschliche Vertiefung. Die Antwort auf die Hyperrationalität der KI liegt in der Kultivierung von emotionaler Tiefe, Kreativität, Liebe und Güte. Die zentrale Herausforderung für die Menschheit besteht darin, besser zu werden, damit die KI wiederum das Gute im Menschen verstärkt. Demut und Selbstkritik sind in unserer Welt rar im Hinblick auf den Umgang mit KI unverzichtbar. Hier sind Kunst und Kultur in der Verantwortung.

Wenn Gabriel sagt, es brauche in Zukunft mehr Rilke und weniger Einstein, ist dies durchaus ein Ansporn sich deutlich zu positionieren. Gleichzeitig mahnt der international bekannte Künstler und Innovator Brian Eno[2] völlig zu Recht zur Vorsicht: Kunst garantiert nicht per se moralische Verbesserung, sie muss es auch nicht tun. Die Fähigkeit zu imaginieren kann ebenso für destruktive Zwecke genutzt werden, wie KI dafür genutzt werden kann. Diese Tatsache sollten wir stets vor Augen haben und gerade jetzt, selbstkritisch reflektieren. Schreckliche Dinge kann KI sehr gut, wenn Menschen, die über die Entwicklungs- und Steuerungsmacht verfügen, ihre persönlichen Interessen vor all das stellen, was uns global noch Chancen zur Umkehr eröffnen könnte. Die Fähigkeit, unserem Geist die Möglichkeit zu geben, Zukünfte zu imaginieren und virtuell in ihnen zu leben, ist eine nicht zu unterschätzende Qualität und der Schlüssel zu allem, was den Menschen zu einer so mächtigen und leider auch gefährlichen Spezies macht. Diese Fähigkeit stellt eine deutliche Abgrenzung zu aktueller KI dar. Diese gilt es, positiv zu nutzen.

Imagination, World Building und produktive Unberechenbarkeit

Wenn wir uns das künstlerische Schaffen im Sinne Enos als Weltenbau (»world building«) vorstellen, könnte KI für uns als Bauingenieur dienen. Zur Erschaffung einer bevorzugten, erwünschten Welt. Das Wunderbare an der Kunst ist, dass sie an sich ungefährlich ist. Man kann in einer schrecklichen, totalitären Welt leben, das Buch nach dem Lesen aber schließen. Wir können mittels Kunst die Zukunft bauen und das eigene Erleben in den von uns erschaffenen Welten simulieren. Unsere künstlerischen Zukunftswelten sollten vermehrt Utopien sein. Dystopien, auch künstlerisch wertvolle, gibt es in großer Zahl. Diese zeigen uns beeindruckend deutlich, wie es nicht sein soll. KI macht es möglich, hochkomplexe Prozesse vorhersehbarer zu machen und sie mitunter ganz neu zu entdecken. Menschliche Kreativität und Tiefe bieten dagegen einmalige, nicht wiederholbare Ereignisse, die uns berühren und die KI im günstigen Fall produktiv verwirren.

Produktive Unberechenbarkeit

Ein entscheidender Akt kultureller Selbstbehauptung liegt in der Unberechenbarkeit. Wir sollten unvorhersehbar und unberechenbar sein. Und falls wir es nicht mehr sind, sollten wir es schleunigst (wieder) werden. Indem Menschen Handlungen vollziehen, die nicht in die Muster der KI passen, unterlaufen sie deren Logik. Das ist kreativ. Das ist fördernd.

Der vollständige Beitrag ist auf dem Blog #neueRelevanz der Kulturpolitischen Gesellschaft veröffentlicht worden. Der Blog ist Teil des Projekts KuDiNa³ – Zukunftsfähiges Zusammenwirken für Haltung, Zuversicht und Wandel.

[1] Philosoph Markus Gabriel: KI, Gefühle, Macht. Podcast „Hotel Matze“. 24.09.2025

[2] What art doesan unfinished theory Brian EnoBette Adriaanse (Autor*innen)

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