Im Schneegestöber vom herrlichen Sommertag sprechen

Jurek Beckers herzbeklemmender, uneitler und mit sanftem, lakonischem Humor geschriebener Roman „Jakob der Lügner", erschien 1969 als erster Teil seiner Holocaust- Trilogie und wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Nun haben Christine Becker und Andy Murray eine exklusive Bühnenfassung erarbeitet, die gerade im Großen Haus geprobt wird. Vorab sprechen Regisseur und Bühnenbildner Thomas Krupa, Bühnen- und Kostümbildnerin Sabina Moncys und Musiker Patrick Schimanski mit Dramaturg Tim Kahn über die Aktualität von Lüge und Hoffnung, die universelle Kraft des Erzählens und die Überzeitlichkeit des Romans.

Thomas, als Jurek Becker seine Geschichte von Jakob Heym, der „aus einem Gramm Nachrichten eine Tonne Hoffnung“ macht und so im Ghetto zum Lügner wird, erstmals veröffentlicht, beginnt global gerade der Aufstieg moderner Technologien, die das Informationszeitalter begründen. Heute, knapp 60 Jahre später, erleben wir vor allem, wie Desinformationen immer virulenter und mächtiger werden. Siehst du in dieser Entwicklung eine Verbindung zum Stoff und deiner Inszenierung?

Thomas Krupa Unbedingt! Bei Jurek Becker wird das Ghetto zu einem Informationsraum, der geschlossen ist – eine Zone ohne verlässliche Daten. Die Menschen wissen nicht, was draußen ist oder ob es ein Draußen überhaupt noch gibt. Sie existieren in einem Zustand permanenter Vorläufigkeit. Alles ist möglich – und gerade deshalb ist nichts mehr konkret oder sicher.

In diesem Umfeld erscheint Jakob nicht mehr als der Mann mit dem Radio, sondern als der Mann mit Zugang. Er hat nicht die Wahrheit – er hat ein Interface, ein Gerät, ein Terminal der Sehnsüchte, ein Leak. Seine Lüge erzeugt einen Raum, in dem Handlungen wieder Sinn ergeben und trotz der Realität des Ghettos an eine Zukunft gedacht werden kann.

Von der Sängerin Björk stammt der Satz „Hope is a muscle that allows us to connect“ –  die Menschen beginnen zu planen, zu hoffen, sich zu streiten, zu lieben. Nicht weil sie sicher wissen, dass sie gerettet werden, sondern weil sie wieder in einer Erzählung leben, die weitergeht. Aber je mehr Hoffnung die Lüge erzeugt, desto tödlicher wird ihre Rücknahme. Diese Gewissheit kriecht immer weiter in Jakob hoch; er wird zum Gefangenen seiner eigenen Erzählung.

Jurek Becker erzählt seine Geschichte auf der historischen Folie der Shoah und macht daraus eine Parabel auf unsere Gegenwart: auf eine Welt, in der wir nicht mehr fragen, ob etwas wahr ist, sondern ob es tragfähig ist – ob es uns erlaubt weiterzuleben, weiterzuarbeiten, weiterzuhoffen.

Der Roman war vom Autor ursprünglich als Drehbuch gedacht, und auch die Autor*innen unserer Bühnenfassung arbeiten stark mit filmischen Elementen. Wie bist du in deiner Inszenierung damit umgegangen?

TK Der filmische Ursprung des Stoffes ist nicht von der Hand zu weisen und spielt auch in unserer Adaption eine große Rolle. Die Schauspieler*innen sind sich jederzeit bewusst, dass sie sich in einem erzählten Raum befinden. Sie tauchen tief in die existenziellen Grundsituationen der Ghettobewohner ein, bleiben aber gleichzeitig auch jederzeit die Erzähler*innen ihrer Charaktere. Im fliegenden Wechsel steigen sie in ihre Figuren ein, wechseln sie, steigen wieder aus, kommentieren und korrigieren sie – mal ernst, mal mit viel Humor. Diese Gesellschaft der Ausgeschlossenen in einem beweglichen Erzählraum erlebbar zu machen – einem Raum, in dem man sich nicht mehr verstecken kann, in dem alles einsehbar, offen und ein „Work in Progress“ ist –, das herzustellen war unsere Aufgabe.

Das Motiv des Erzählens durchzieht den gesamten Roman, schon wegen der besonderen Erzählperspektive. Ein namenloser Erzähler berichtet von den Geschehnissen im Ghetto und verführt dabei immer stärker dazu, ihm zu glauben, obwohl er nicht immer Zeuge des Geschehens war. Wie hast du dich gemeinsam mit dem Ensemble dieser Erzählinstanz gewidmet?

TK Das gesamte Ensemble wird zur Erzählinstanz. Was Jurek Becker in seinem Roman beschreibt, ist keine politische Lüge, sondern eine existenzielle. Jakob lügt, weil er sieht, dass die Wahrheit hier nicht aufklärt, sondern tötet. Deshalb muss weitererzählt, weitergespielt, weitergeträumt und weitergesponnen werden. Das treibt ihn an. Wenn Jakob sagt, “sie kommen bald und retten uns“, dann ist das in faktischer Hinsicht falsch. Aber in narrativer Hinsicht schafft es Zeit, seine Lüge schafft eine bewohnbare Fiktion. Er verwandelt das Jetzt der Lagerbewohner von einem endlosen Warten in ein Gefühl von „Es geht irgendwohin.“ Genau das leisten heute politische Mythen, Verschwörungserzählungen, aber auch technologische Utopien – entscheidend ist nicht, ob etwas stimmt, sondern ob es trägt. Welchen Geschichten erlauben uns zu leben? Dieser Frage widmet sich das Ensemble als vielstimmige Erzählinstanz.

Sabina und Thomas, ihr habt gemeinsam das Bühnenbild gestaltet und setzt dabei konsequent auf eine surreale, abstrakte Ästhetik. Was hat euch bei der Arbeit inspiriert und welchen Wert hat euer Raum als Spielfläche oder Mitspieler des Ensembles?

Sabina Moncys Der Raum ist der achte Mitspieler. Er ist ein mitwirkendes, spieltreibendes System, das die Schauspieler*innen, aber auch die Figuren beeinflusst. Der Raum bewirkt einerseits Situationen durch die Anordnung der Bühnenbildelemente, andererseits spiegelt er auch die Emotionen und den psychischen Zustand der Figuren wider. Manche Elemente und deren Anordnung erinnern an Arbeitslager, an zerstörte Städte oder an Überwachungszentralen.

TK Der Raum ist als eine Art Organismus gedacht. Er führt ein Eigenleben, das von den früheren Erlebnissen der Figuren und ihren Erzählungen bestimmt ist. Er reagiert auf die Emotionen der Figuren; er pulsiert, verfärbt sich oder verkrampft, wenn es zum Streit kommt. Ich mag die Idee eines „psychotropen Raums“, der die menschliche Psyche beeinflusst und auf Stimmung, Wahrnehmung, Denken, Verhalten und Bewusstsein einwirkt.

Und wie Sabina schon sagte, ging es uns auch um die Frage, wie sich Orte der totalen Überwachung darstellen lassen. Anders, als die israelische Regierung zynischer Weise ihr Lager in Rafah im Süden Gazas bezeichnet, sind das eben keine „humanitären Städte“. Auf der Bühne gibt es, bis auf eine, keine Wände mehr, damit man sich nicht mehr verstecken kann. Und es gibt keine Bäume, unter denen man Schutz findet – keinen Baldachin, unter dem man sich hätte versammeln können. Der Himmel besteht aus Scheinwerfern. Ein System von außen also, das auf das von Jakob begonnene Spiel mit der Hoffnung einwirkt.

Sabina, Jurek Beckers Roman spielt in einem Ghetto und ist bisher immer historisierend inszeniert worden. Dein Kostümbild verzichtet vollständig auf historische Elemente, findet aber im Gegensatz zum Raum trotzdem klare Verbindungen zur Realität oder auch zum Banalen. Welche Motive und Fragen haben dich bei der Arbeit beschäftigt?

SM Die zeitgenössischen, aus dem Alltag vertrauten Kleidungsstücke haben den Zweck, die Geschichte von Jakob und den Menschen im Ghetto ins Hier und Jetzt zu bringen. Der gesprochene Text im Stück siedelt die Geschichte von Jurek Becker in einem jüdischen Ghetto an. Das Erinnern an Genozide der Vergangenheit soll uns davor bewahren, ähnliche Verbrechen heute und in Zukunft zu wiederholen.

Wenn wir die Geschichte durch die Kostüme ins Heute holen, ist der Effekt aus meiner Sicht stärker: Es fördert die Anteilnahme, das Mitfühlen und das Erkennen ähnlicher politischer Systeme, wiederkehrender Mechanismen und Verhaltensmuster. Dadurch wird der Satz „Nie wieder ist jetzt“ spürbar.

Patrick, für die Inszenierung erarbeitest du sowohl ein eigenständiges Soundkonzept, verwendest aber auch Songs bekannter Musiker*innen des 20. und 21. Jahrhunderts. Welche Rolle spielen Klänge, Geräusche und das gemeinsame Musizieren für ein Stück über Widerstand und das Geschichtenerzählen?

Patrick Schimanski Bei den Soundscapes geht es mir darum, künstliche Atmosphären zu erzeugen, die die Innenwelten der Figuren spürbar machen, statt die Realität flach abzubilden. Wir arbeiten sehr vorsichtig mit minimalistischen, wiederkehrenden Motiven und flächigen Drones. Diese Musik soll neutral sein und keine feste Zeitlichkeit behaupten. Sie verzichtet auf klassische Kadenzen oder manipulative Höhepunkte, um dem Publikum keine vorgefertigte Meinung aufzudrängen.

Auch die integrierten Songs binden wir eng an die Gefühlswelten der Figuren an. Ein bestimmtes Stück lassen wir beispielsweise chorisch von allen sprechen statt von einer Einzelperson singen. Bei den live gesungenen Liedern geht es nie um bloße Coverversionen, sondern um ganz eigene, situative Interpretationen. Das gemeinsame Musizieren und Erzählen in Zeiten größter Not bewahrt die Fähigkeit zu träumen. Solche Räume für Sehnsüchte und Utopien zu schaffen, ist damals wie heute ein grundlegender Akt des Widerstands.

Jurek Becker lässt seinen Ich-Erzähler zwei Enden anbieten. Ein Erfundenes und ein wirkliches „blaßwangiges und verdrießliches“ Ende. Könnt ihr etwas darüber verraten, wie ihr mit diesem Spannungsverhältnis zwischen Wahrheit und Unwahrheit in eurer Inszenierung umgeht? Wie viel Erfindungsgeist steckt in dem Abend?

TK Nein, das Ende möchte ich nicht verraten – keine Spoiler an dieser Stelle! Aber ich habe dem Ensemble gesagt, sie mögen den Abend so spielen, als ob sie durch ein Schneegestöber wandern und dabei von einem herrlichen Sommertag sprechen.

SM Ich glaube, die zwei angebotenen Enden ermöglichen es jedem, sich für sein eigenes Ende der Geschichte zu entscheiden – vielleicht auch für eines, das nicht erzählt wurde.

PS Da jeder Mensch in seiner eigenen Zeitlichkeit lebt, hat er auch eine ganz persönliche Erzählung – die eine, absolute Wahrheit gibt es beim Erinnern nicht. Schon Jurek Becker wollte die Geschichte vor allem spürbar und glaubhaft machen, statt alles historisch exakt zu rekonstruieren.

Hier setzen wir an: Wir nutzen die Musik, um eine surreale, überzeitliche Ebene einzuziehen. Wir wählen Stücke, die musikalisch so unkonventionell sind, dass sie gestern wie morgen verortet werden könnten. Indem wir diese Lieder live interpretieren, entstehen völlig neue Lesarten. Wir verweigern uns bewussten Höhepunkten oder platten Kommentaren, um dem Publikum Raum zu lassen. Unser Erfindungsgeist dient dazu, das utopische Denken und die Träume der Figuren erlebbar zu machen, um angesichts einer bedrückenden Realität handlungsfähig zu bleiben.

Danke fürs Gespräch!


„Jakob der Lügner“ – Premiere am 12. September

Das Stück „Jakob der Lügner“ feiert am 12. September Premiere. Weitere Vorstellungstermine sowie Informationen und Tickets finden Sie hier.

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