Why the silence? - Warum dieses Schweigen?

Das Tanzstück „Opiate“ von Luana Rossetti ist eine physisch intensive Auseinandersetzung mit der Betäubung von Emotionen angesichts schmerzhafter Realitäten. Die Dramaturgin Caroline Rohmer teilt Einblicke in den Abend und Gedanken zu seinen Themen, wie Abhängigkeiten, Illusion und Befreiung.

Abhängigkeiten

Ein zentrales Thema des Stücks sind die vielfältigen Facetten und Ambivalenzen von Abhängigkeiten. Bedingt durch den Titel „Opiate“ denken wir an Drogen, Medikamente und Substanzen

  • die körperfremd sind;
  • die eingenommen werden;
  • die die Wahrnehmung der Realität – zu der es eine Vorstellung von „Wahrheit“ gibt – verändern;
  • die also verhindern, dass wir die „Wahrheit“ erkennen;
  • und die abhängig machen von den Illusionen, die sie hervorrufen.

Im Anschluss an unsere öffentliche Probe von „Opiate“ sprach mich ein Mediziner an, der sich im Rahmen seiner Arbeit mit Drogenabhängigkeit beschäftigt. Von den Ausschnitten des Stücks, die er gesehen hatte, konnte er sehr klare Verbindungen herstellen zu den physischen und emotionalen Zuständen einer Suchterkrankung: die Jagd nach dem High, die Suche nach „Stoff“, der Versuch, clean zu werden und der Crash im Entzug, die Taubheit gegenüber der Umwelt … Der Tanz schafft mit seiner empathischen Körperlichkeit eine gewaltige Assoziationskraft.

Im Entwicklungsprozess des Stücks sprachen wir vor allem über Abhängigkeiten im zwischenmenschlichen Zusammenleben. Und es ist spannend, wie sich dadurch die Perspektive verändert. Denn die Abhängigkeit im sozialen Sinne ist ein viel vagerer Schwellenbereich zwischen den (unvorstellbaren) Extremen einer vollkommenen Unabhängigkeit auf der einen Seite, und einer überlebensunfähigen Hilflosigkeit auf der anderen Seite. Abhängigkeit erscheint in diesem Sinne als die unausweichliche Koexistenz unseres Daseins. Wir sind nicht abhängig von etwas, das uns sozusagen auf „unnatürliche“ Weise fremd ist, und zu dem man einfach nicht abhängig sein könnte. Sondern diese zwischenmenschliche Abhängigkeit scheint Teil der menschlichen Identität. Trotzdem ist Abhängigkeit mehr als ein bloßes aufeinander Angewiesensein.

Der Mensch ist kein vollständig autonomes Wesen ohne Verbindungen. Wir sind körperlich und emotional aufeinander angewiesen für unsere physische und seelische Gesundheit. Wir sind sozial aufeinander angewiesen, um in Kooperation gemeinsam eine Welt zu leben. Dieses Angewiesensein bedeutet nicht die Schwächung des Ichs oder Egos. Es kann Ausdruck von Selbstkenntnis sein, zu wissen, wo die eigenen Grenzen liegen, und Hilfe anzunehmen, ohne sich selbst dabei aufzugeben.

Abhängigkeit dagegen beschreibt einen Zustand, in dem das eigene Wohlbefinden, die eigene Handlungsfähigkeit oder sogar das Selbstbild dauerhaft an eine äußere Quelle gebunden ist. Wer abhängig ist, erlebt häufig ein Gefühl des Mangels: Ohne das Gegenüber, die Substanz, die Anerkennung oder die Struktur scheint etwas Wesentliches zu fehlen. Abhängigkeit verengt den inneren Handlungsspielraum. Entscheidungen werden weniger aus Freiheit getroffen als aus Angst vor Verlust, Entzug oder Leere. In diesem Sinne ist Abhängigkeit nicht nur ein äußeres Verhältnis, sondern ein inneres Geflecht aus Unsicherheit, Kontrolle und dem Wunsch nach Stabilität um jeden Preis.

Der Unterschied liegt in der Freiheit. Angewiesensein lässt Wahlmöglichkeiten offen. Es kann sich verändern, wachsen, manchmal sogar auflösen, ohne dass das eigene Selbst zerbricht. Abhängigkeit hingegen bindet so eng, dass Trennung oder Veränderung als Bedrohung erlebt werden. Während Angewiesensein Beziehung ermöglicht, ersetzt Abhängigkeit dynamische Beziehung durch Fixierung.

Emma Jane Howley und Pin-Chen Hsu. Foto: Nils Heck.

Emma Jane Howley und Pin-Chen Hsu. Foto: Nils Heck.

Wenn Angewiesensein den Grund menschlicher Koexistenz meint, wäre Abhängigkeit seine schmerzhafte Verzerrung. Dort, wo Bedürfnisse anerkannt, geteilt und ausgehandelt werden, entsteht in der Angewiesenheit eine stärkende Verbundenheit. Dort, wo Bedürfnisse verschwiegen oder absolut gesetzt werden, wächst Abhängigkeit. Zwischen beiden verläuft eine feine Linie, die darüber entscheidet, ob wir einander tragen oder gefangen halten.

Entscheidend ist der Blick darauf, wie wir in Abhängigkeiten hineingeraten oder gehalten werden: Sind wir einfach immer alle selbst schuld? Müssen wir nicht anerkennen, dass die allermeisten Menschen – so „frei“ wie das Selbstbild einer Gesellschaft auch sei – in strukturelle, ökonomische, gesellschaftliche Abhängigkeiten hineingeboren werden, denen sie ihr ganzes Leben nie entkommen werden können?  

Betäubungen

Nun sind Opiate narkotisch. Sie betäuben Schmerzen, indem sie an den entsprechenden Nervenrezeptoren im Gehirn und Rückenmark andocken, wo sie dann Schmerzsignale des gesamten Körpers hemmen. Die Opioid-Rezeptoren haben wir ganz natürlich, damit dort körpereigene Schmerzhemmer, Endorphine, aufgenommen werden. Wenn Opiate dort andocken, sind die Schmerzsignale des Körpers zwar noch vorhanden, sie werden aber deutlich leiser gestellt oder werden gar nicht erst weitergeleitet. Das Gehirn schüttet Dopamin aus, was uns wohlig warm, sicher oder auch euphorisch fühlen lässt. Dagegen gehen Alarmzustände und Angst zurück. Der Körper reagiert mit einer fatalen Anpassung: Es werden weniger körpereigene Schmerzhemmer produziert. Entfiele nun die Einnahme der Opiate, ist das Nervensystem ohne eigene Schmerzbremse, und Schmerz wird sogar stärker wahrgenommen als vor der Einnahme. Alltägliche Berührungsreize können sich unerträglich brennend und stechend anfühlen. Doch nicht nur die Haut, auch Muskeln und Knochen fühlen sich wund an. Der Körper reagiert auf diesen Entzug mit innerer Unruhe, Zittern, Schwitzen und Anspannungen. Es ist so, als wäre der Lautstärkeregler für Schmerz lange ganz runtergedreht zu einem weichen Rauschen. Und plötzlich ist er nicht einfach auf normaler Lautstärke zurückgestellt, sondern übersteuert mit unaushaltbaren Tonhöhen.

Die Abhängigkeiten, die Luana Rossetti für ihre Choreografie interessieren, sind diejenigen, die schmerzhafte Eindrücke, Empfindungen und Gedanken in unserer Welterfahrung betäuben: beruhigende Illusionen, schnelles Dopamin durch (materiellen) Konsum, Vermeidungsstrategien und die Flucht in Beziehungen um jeden Preis – sozusagen „toxische“ Beziehungen – weil wir uns Geborgenheit, Zuwendung, Liebe erhoffen. Es sind Strukturen und Routinen, die dazu führen, dass wir unsere alltägliche Aufmerksamkeit nur dem zuwenden, was wir irgendwie unter Kontrolle halten können. Diese Art von Opiaten ermöglicht uns, in der kognitiven Dissonanz einer unkontrollierbaren Realität zu leben, deren Unheil unaufhaltsam vor unsere Augen tritt und durch die Newskanäle schwappt, und die im krassen Gegensatz steht zu unseren privaten Glücksversprechen und -ansprüchen.

Salvatore Piramide und Pin-Chen Hsu. Foto: Nils Heck.

Salvatore Piramide und Pin-Chen Hsu. Foto: Nils Heck.

Obwohl wir uns durch die mediale Globalisierung stärker denn je mit der ganzen Welt verbinden können, bleibt stets die offene Frage, was wir tun können, wenn woanders die Erde umgewälzt wird und Schlachtfelder entstehen. Wie kann man es schon dauerhaft aushalten, sich damit auseinanderzusetzen, dass wir als Menschheit in unserem Zusammenleben eine Welt voller Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung und Ausgrenzung schaffen und aufrechterhalten, weil wir in entsprechenden Abhängigkeiten leben? Dass wir in unseren täglichen Entscheidungen unsere erlernten Ansprüche, Egos und Ängste über Ideale wie Kooperation und Mitgefühl stellen? Es muss schmerzhaft sein, wenn man sich ernsthaft regelmäßig selbst befragt, welchen Anteil wir persönlich am Leid und der Abhängigkeit anderer haben, wenn wir nur zusehen und einfach weitermachen.

“Don’t you see the bodies burning?” - Siehst du nicht die brennenden Leichen? ist eine rhetorische Frage im Stück.

Es ist beruhigend, wenn unser privates und gesellschaftliches Handeln auf gefestigten, etablierten Werte- und Glaubenssystemen beruht. Diese Systeme sind Orientierung und Rechtfertigung. Das geflügelte Wort „Opium fürs Volk“, das beispielsweise Kulturkritiker*innen provokativ für Massenunterhaltungen wie Rundfunk, Fernsehen oder Fußball anwenden, stammt von Karl Marx aus der Einleitung zu dessen Kritik der Rechtsphilosophie Hegels („Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, 1843/44): „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

Es gibt eine Art Figur im Stück „Opiate“ die gegen und mit den Erschütterungen ihres Glaubenssystems kämpft. Sie trägt ein Buch mit sich herum, das sinnbildlich für den „Geist“ eines Werte-, Rechts- oder Glaubenssystem zu verstehen ist. Das könnte eine Religion sein, aber auch jegliches andere gesellschaftliche und staatstragende System, das unsere Verhältnisse so zusammenhält wie sie sind.
„[...] der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Societät. Dieser Staat, diese Societät produzieren die Religion [...] Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr encyklopädisches Compendium, ihre Logik in populärer Form, […] ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund.“ (Marx, 1844)
Wird das „Aroma“ der Religion entfernt, bleiben trotzdem die Grundlagen, die sie schufen, und seien sie durch nationalistische oder neoliberale Vokabeln ersetzt worden.

Alexandre Nodari. Foto: Nils Heck.

Alexandre Nodari. Foto: Nils Heck.

Wahrheit und Illusion

Ich denke bei diesem Buch im Stück aber auch an Kunst: Literatur, Poetik, Fiktion. Der französische Philosoph Jacques Derrida spricht in einem Interview über die Rhetorik von Drogen („Rhétorique de la drogue“, 1989) darüber, warum (vor allem westliche) Gesellschaften Drogen so sehr ablehnen, abgesehen von der Ablehnung der konkreten körperlichen Schädigungen. In seinen Betrachtungen verweist Derrida auf Platon und dessen ambivalentes Verständnis zur Schrift und Nachahmung.  Schrift ist für Platon ein „pharmakon“ – Gift und Heilmittel zugleich. Als Gedächtnishilfe sei sie zwar nützlich, aber indem sie Erinnerungen festhalte, begünstige sie auch baldige Vergesslichkeit, Unverantwortlichkeit und sei daher auch gefährlich. Auch die Nachahmung, das „Simulacrum“ hat durch Platon in der westlichen Tradition etwas Gefährliches. Ihm haftet an, dass es täusche, von der Wahrheit wegführe und gesellschaftlich unproduktiv sei. Doch zugleich tolerieren Gesellschaften kulturelle Fiktionen wie Literatur und Theater, solange sie kontrollierbar und institutionell geregelt sind.
Für Derrida ist die Trennung zwischen Wahrheit und Illusion selbst eine Illusion. Jede Erfahrung enthält unvermeidlich Elemente der Projektion, der Nachahmung und Verstellung, die Teil von Realität und Wahrheit sind. In und durch die Kunst sehen wir nicht zwangsläufig das, was intendiert, gemeint oder gewollt ist. Sondern wir sehen anders und wir empfangen durch sie das Unerwartete, das, was nicht von uns selbst stammt.
Wann macht sich (institutionalisierte) Kunst also zur Komplizin und Mitträgerin herrschender Systeme, und wann verwischt Kunst, offen oder subversiv, deren Autorität? Wenn sie nicht belanglos ist, dann müsste sie gefährlich sein.

Für „Opiate“ ist das Verschwimmen der Unterschiede zwischen Traum und Erwachen (sozusagen Fiktion und Realität) wiederkehrendes Thema in der Dramaturgie der Choreografie. Die Tanzfläche, um die herum das Publikum zu allen Seiten sitzt, repräsentiert einen Raum des Erlebens, der Erfahrung von Auslieferung und Komplizenschaft in der dortigen Realität.
Das Eintreten in die Sphäre der Zuschauer*innen markiert einen Moment der distanzierten (Selbst)Betrachtung und Reflektion, die aber nicht scharf und für immer getrennt bleibt von dem, was wir sehen. Die Möglichkeit des „Erwachens“ hat in diesem Stück die Bedeutung eines Klartraums, d.h. das Erwachen im Traum. Wir wissen, dass wir träumen. Wir wissen, dass wir diesen Traum produzieren. Der Traum ist Teil der Realität und unseres Bewusstseins. Wir stehen dem Klartraum nicht ausgeliefert gegenüber, und doch bedeutet das nicht, dass wir alles steuern können.

Árnika Krasznai. Foto: Nils Heck.

Árnika Krasznai. Foto: Nils Heck.

Es gibt eine Szene im Stück, die Luana Rossetti „Kassandra“ nannte. Kassandra ist in der griechischen Mythologie die trojanische Priesterin, die mit dem Fluch belegt ist, dass niemand ihren Weissagungen für die Zukunft glaubt. Sie sagt den Untergang Trojas voraus und sieht auch ihren eigenen Tod. Sie sieht nicht nur die Katastrophe voraus, sondern zugleich, dass ihr niemand glauben wird, und nur dadurch die Katastrophe überhaupt geschieht. Sie ist sehendes Auges Komplizin der Vernichtung. Für mich repräsentiert diese Figur bzw. Szene im Stück die Frage, wer unschuldig bleiben kann. Unschuld ist eine beruhigende Illusion.

Heilsamer Schmerz

Würde die Choreografie von „Opiate“ vor allem die Betäubung darstellen, wäre das Stück ganz anders geworden. Wir als Publikum werden stattdessen Zeug*innen von intensiven emotionalen Dynamiken. Luana Rossetti integriert in die Bewegungssprache die Spuren der körperlichen Einschreibung emotionaler Erschütterungen: Atem- und Bewegungsmuster, die die Anstrengung der Unterdrückung traumatischer Erfahrungen sichtbar machen. Selbst die vermeintlichen „Highs“ tragen eine Anstrengung, einen Zwang, eine Unerfülltheit mit sich. Dagegen bersten Wut und Trauer, Schmerz und Verausgabung scheinbar ungehindert hervor. Die Choreografie zeigt vor allem in den Duetten und Trios die Mechaniken der Abhängigkeit. In ihrer Gesamtheit der simultan ablaufenden Geschehnisse im Raum werden die Dramaturgie des Abends und die körperlichen Zustände der Performenden vor allem bestimmt vom Wahnsinn der Gewalt, und die eigentlich „natürlichen“, gesunden, naheliegenden Reaktion darauf, die Zeichen unserer Empathie sind.

Ensemble. Foto: Nils Heck.

Ensemble. Foto: Nils Heck.

Es geht in „Opiate“ um das Zulassen von negativen Emotionen, das Aufbrechen der Betäubung. Das ist ein Akt des Loslassens: von Dingen, Menschen und Verhältnissen, zu denen man in einem toxischen Abhängigkeitsverhältnis steht und die Veränderung unmöglich machen.
Wiederholung kann zerstörerisch, aber auch heilsam sein. Zerstörerisch ist sie in der Abhängigkeit. Heilsam in der Vehemenz, in der wir trotz aller Rückschläge für Veränderung kämpfen.

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