Warum brauchen wir neue Opern?

Amy Stebbins ist Regisseurin und Librettistin und studierte an der Harvard University Geschichte und Literaturwissenschaft. Anschließend wirkte sie als Stipendiatin der Fulbrigth Komission u.a. an der Volksbühne Berlin. Die Regisseurin und Librettistin Amy Stebbins arbeitet zurzeit an einem Libretto für eine Uraufführung am Stadttheater Gießen.


Was für eine Frage! Wozu brauchen wir neue Filme? Wozu neue Bücher? Gedichte? Bilder? Es gibt so viele Romane, dass es viele Menschenalter dauern würde, sie alle zu lesen. Wozu noch neue schreiben? Keiner anderen Kunstform, nur der Oper wird die Frage nach der Notwendigkeit neuer Werke zugemutet. Dabei ist die wahre Zumutung doch die Selbstverständlichkeit des sogenannten Repertoirebetriebs. Wozu brauchen wir einen Spielplan aus alten Opern?

Eine Folge der erdrückenden Dominanz des Alten ist, dass der Opernbetrieb kaum noch neue Werke präsentiert – zumindest nicht in Deutschland. In der präpandemischen Spielzeit 2017/18 entfielen gerade einmal 16% der 866 Premieren auf Opern, die nach 1945 entstanden sind. An der Spitze standen dabei „The Rake's Progress“ (1951), „Dialogues des Carmélites“ (1957) und „Peter Grimes“ (1945) - bekanntlich sind diese Werke so zeitgenössisch wie Konrad Adenauer und die Fress- und Dauerwellen der 1950er Jahre. Uraufführungen machten ganze vier Prozent aller Neuproduktionen aus. Meistbesucht war Arnulf Hermanns „Der Mieter“ mit insgesamt 6.129 Zuschauer:innen. „Die Zauberflöte“ (1791) wurde im selben Zeitraum von 277.510 Zuschauer:innen besucht. In Anbetracht solcher Zahlen kann man sich allerdings, und gerade als Opernschaffende, tatsächlich die Frage stellen: Wozu braucht es neue Opern? Scheinbar will die ja keiner hören! Oder doch?

Nun, auch die Antwort auf diese Frage liegt in diesen Zahlen: Das Überangebot an historischen Stoffen auf den Spielplänen ist ein Symptom eines Zeitgeistes, der von seiner eigenen Vergangenheit besessen ist. Im Internet ist das komplette Kulturgut meiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern jederzeit abrufbar. Ohne Aufwand, blitzschnell und oft kostenlos. Die technische Reproduzierbarkeit der Kunst, von der Walter Benjamin schon 1935 gesprochen hat, macht inzwischen die Vergangenheit zur Gegenwart. Sie verhilft einst „historischen“ Werken zu „zeitgenössischer“ Präsenz. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht sagt, die Überflutung unserer Gegenwart durch die Vergangenheit verändere nicht nur unser Verhältnis zum Jetzt, sondern auch unser Verhältnis zur Zukunft. Diese Zukunft nämlich werde, und mit Grund, zunehmend als bedrohlich empfunden. Statt sich ihr zuzuwenden, flüchte man sich in die „breite Gegenwart“ historischer Simultanitäten. Doch damit ist kein Staat zu machen; eine Gesellschaft braucht Zukunftsentwürfe. Und damit diese möglich sind, benötigt sie ein klares Selbstbild: Wer sind wir? Heute? Jetzt?

Nicht immer waren die Opernbühnen mit den „Greatest Hits“ von vorgestern besetzt. Überraschenderweise waren die heute kanonischen Werke, als sie das Licht der Welt erblickten, zeitgenössisch. „Don Giovanni“ entstand für das Publikum seiner Zeit, zu Fragen des Jahres 1787, einschließlich der ungedachten, unentdeckten Widersprüche der Epoche. Ob in Parma oder in Wien, neue Opern waren Spiegel ihrer Gegenwart und Proben für die Zukunft.

Denn eines kann Oper wie keine Kunstform sonst: Synthese. Sie allein vermag die scheinbar diskreten Phänomene ihrer Gegenwart zu einem Ganzen zusammenzufassen und deren Beziehungen sichtbar, hörbar und spürbar machen. Und genau das brauchen wir heute: Synthesen eines Selbstbildes. Synthese (nicht mehr Dekonstruktion!) ohne Gleichschaltung ist die dialektische Notwendigkeit unserer Zeit. Oper ist die Kunstform unserer Tage.

In seiner neuen Spielzeit legt das Stadttheater Gießen den Schwerpunkt auf die Gegenwart. Nicht weniger als vier zeitgenössische Opern werden zu sehen und hören sein. Eine Ansage, allen Widrigkeiten zum Trotz einen neuen, gemeinsamen Blick in die Gegenwart und die Zukunft zu werfen. Wer werden wir sein? Das gilt es zu ergründen. Mit neuen Opern. Mit Musik von Jetzt, Stoffen aus unserer Zeit.

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