Synchrones Weihnachtsoratorium

Joachim Michelmann, Solo-Pauker im Philharmonischen Orchester, berichtet im Vorfeld vom 1. Chorkonzert über den besonderen Beginn von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, klanggewordene Festlichkeit und die Möglichkeiten von Sprache als Hilfe für rhythmisch-musikalische Zusammenhänge.


Bachs Weihnachtsoratorium eröffnet mit fünf Paukenschlägen, die nach wenigen Takten des Orchestervorspiels von allen Chorsänger:innen einstimmig mit Text wiederholt werden: JAUCH-ZET-FROH-LOCK-KET!
Zu Anfang direkt eine Frage an Sie: Welche dieser Silben erleben Sie als betont, welche eher als unbetont? Als ich angefangen habe Drum-Set und später auch Pauke zu spielen, kam ich in Kontakt mit dem Kantor Rolf Schweizer in Pforzheim und dem Barocktrompetenensemble Edward Tarr. Beiden war Sprache wichtig. Rolf Schweizer waren neben der Textverständlichkeit im Chor auch die rhythmische Präzision und die Betonungen der Wörter im Einklang mit den Betonungen und der Phrasierung im Orchester wichtig. Der Barocktrompeter Edward Tarr verwendete rhythmisches Sprechen von betonten und unbetonten Klangsilben, um das Ensemble vor einem Konzert miteinander rhythmisch musikalisch zu synchronisieren, sich miteinander „einzugrooven“. Und auch um die Phrasierungen der Musik leise und losgelöst von den technischen Schwierigkeiten der Instrumente gemeinsam zu reflektieren und zu verinnerlichen. Ich habe das Weihnachts-Oratorium, welches für viele Menschen unentbehrlicher Bestandteil der (Vor-)Weihnachtszeit ist, mittlerweile schon über zwei Dutzend Mal gespielt. Und jedes Mal kommt es aufs Neue darauf an, das Bekannte und Vertraute, die eigene Wahrnehmung und die Wahrnehmung aller anderer Beteiligten Musiker:innen in Einklang miteinander zu bringen. Auch wenn ich selbst als Solo-Pauker nicht mitsinge, ist die Sprache, der Text und die Betonung der Worte für mich doch das wesentliche Mittel, um mich im Einklang mit dem Dirigenten mit allen anderen zu synchronisieren. Durch die Sprache kommt das zusammen, was uns die Musik vorgibt. Und wir Musiker:innen müssen dabei versuchen, dass diese Einheit im musikalischen Zusammenspiel entsteht.

Darüber hinaus steckt für mich in dieser (musikalischen) Aussage am Beginn des Oratoriums sehr viel von dem, was die Barockmusik und damit auch Bachs Oratorium ausmacht. Um das ganze Werk richtig zu interpretieren, spielt für mich die Wahl der Paukenschlägel, mit denen ich spiele, eine große Rolle. Für Barockmusik verwendet man in der Regel reine Holzschlägel ohne eine Filzummantelung, die aus einem Stück Holz gedrechselt werden und natürlich auch im Konzert zum Einsatz kommen. Meine Barockschlägel sind ein Geschenk von Erich Singer, dem ehemaligen Pauker des Edward Tarr Trompetenensembles. Jedes Instrument hat seine eigenen Eigenschaften und Schwierigkeiten. Neben der Phrasierung und rhythmischen Synchronisation kommt es bei der Pauke häufig darauf an, die Aufmerksamkeit zu halten und in der musikalischen Dynamik, die das Werk mit sich bringt, zu bleiben, auch wenn man über lange Strecken pausiert und viel weniger Noten spielt als die meisten anderen Musiker:innen.

Die klanggewordene Festlichkeit, die der Beginn vom Weihnachtsoratorium vermittelt, wird seit der Barockmusik durch die Verwendung von Pauken und Trompeten erzeugt und findet sich bis heute auch in unserem Sprachgebrauch wieder: „Mit Pauken und Trompeten“ sagen wir oft, wenn es sich um einen feierlichen Kontext handelt. In der weltlichen Vorlage, die der Komponist zu diesem Chorsatz umgearbeitet hat, lautete der Text dann ausgerechnet auch noch: „Tönet ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“. 


Johann Sebastian Bach, Weihnachtsoratorium BWV 248, Kantaten 1 bis 3

Wie die fünf Silben JAUCH-ZET-FROH-LOCK-KET und die Paukenschläge von Joachim Michelmann betont werden, können Sie in gleich drei Konzerten erleben: Beim Preview-Konzert am 14. Dezember, im Chorkonzert im Großen Haus am 15. Dezember und in St. Walburgis Wetzlar am 16. Dezember 2022.

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