Rostfrei klingt nicht

Das Schlagzeug der „Gefährlichen Operette“


Man findet Peter Hartmann und Richard Putz irgendwo zwischen Konservendosen, Kuhglocken und einem Gerät, das knarrende Geräusche von sich gibt, wenn man es mit einem nassen Lappen reibt. Sie machen das beruflich. Die beiden sind Schlagzeuger, die im Wechsel mit zwei Kollegen den Schlagzeugpart in der „Gefährlichen Operette“ übernehmen. Dabei begann ihre Arbeit schon lange vor der ersten Probe, denn zunächst galt es, die passenden Instrumente zusammenzustellen: Was genau hat man sich unter einem „Quietschkreisch“, einem „Metalldings“ oder einer Metallfeder vorzustellen? Welchen Klang wünscht sich der Komponist Gordon Kampe von Konservendosen oder Styropor?

Ausschnitt aus der Partitur der "Gefährlichen Operette"

Ausschnitt aus der Partitur der "Gefährlichen Operette"

Das „Quietschkreisch“ etwa war eine harte Nuss: Der Komponist schlägt vor, mit einem Gummihandschuh auf einer Glasplatte zu reiben. „Aber erstens hat man in dem Stück nicht genug Zeit, einen Gummihandschuh anzuziehen“, erläutert Peter Hartmann, „zweitens klang es nicht gut“. Bis zu dieser Erkenntnis waren einige Testläufe mit verschiedenen Gummihandschuhen notwendig, „sehr zum Leidwesen meiner Frau“, so Hartmann. Nun wird das gewünschte fiese Geräusch mit einem Plastikdeckel erzeugt, der auf einem Stahl-Pfostenträger gerieben wird. Um solche Dinge herauszufinden, waren Hartmann und Putz in Baumärkten unterwegs: „Wir haben da wahrscheinlich wie Verrückte gewirkt, als wir alle möglichen Sachen aus den Regalen geholt und draufgeklopft haben. Aber das sind wird gewohnt.“ Die Ausbeute der Baumarktbesuche liegt nun im Orchesterprobenraum: Bleche, Rohre, eine Autofeder und Styroporstücke liegen neben Spezialinstrumenten aus dem Fachhandel. Ein Orchesterwart hat an die Autofeder eine Aufhängung geschweißt.

Die Baumarktausbeute im Probenraum

Die Baumarktausbeute im Probenraum

Dabei spielen Hartmann und Putz in der „Gefährlichen Operette“ auch „normale“ Schlaginstrumente wie die Kleine Trommel, Vibraphon und eine Bass Drum. Darüber hinaus kommen nicht ganz so „normale“, aber doch etablierte Schlaginstrumente wie Kuhglocken, Heulgong, Flaschen, Cuica (das Ding, das die brummenden Geräusche von sich gibt) oder Steeldrums zum Einsatz.

„Es ist ein Panoptikum der Stilistiken und Kulturen, das wir hier bedienen“, erklärt Richard Putz nicht ohne Stolz: Der Heulgong stammt aus China, die Cuica aus Brasilien. Die karibische Steel Drum verlangte viel Probenzeit von Richard Putz, weil die Töne, die er präzise treffen muss, in gänzlich ungewohnter Weise in dem Ölfassdeckel angeordnet sind. „Als wir in nebeneinanderliegenden Räumen geübt haben, ich auf der Steel Drum, Peter auf den Kuhglocken, sagte jemand, das klinge wie ein Kuhstall in der Karibik.“

Eine Klaviatur aus Konservendosen und Kuhglocken

Eine Klaviatur aus Konservendosen und Kuhglocken

Es sei eine der Stärken des Schlagzeugs, in kürzester Zeit eine Atmosphäre oder eine Kultur anklingen lassen zu können. Gordon Kampe nutzt genau das, wenn er in seiner „Impfpolka“ Flaschen als „Laborgerätschaften“ anschlagen lässt oder wenn die kleine Trommel einen Militärmarsch andeutet.

Während andere Instrumentalist:innen in der Regel wenige, ähnliche Instrumente beherrschen (etwa Oboe und Englischhorn, verschieden gestimmte Trompeten oder Horn und Wagnertuba), ist der Instrumentenapparat, mit dem Schlagzeuger:innen virtuos umgehen müssen, praktisch unendlich: Je nach Vorgabe der Komposition kann alles zum Instrument werden. Auch die Spieltechniken sind immer wieder neu – Gordon Kampe verlangt zum Beispiel an einer Stelle ein „depressives Schubbern“ auf der Großen Trommel.

Ausschnitt aus der Partitur der "Gefährlichen Operette"

Ausschnitt aus der Partitur der "Gefährlichen Operette"

Und nicht zuletzt werden die Instrumente für jedes Stück neu angeordnet, es müssen also immer neue Bewegungsabfolgen geübt werden. Während man Standardinstrumente wie Xylophon oder Pauke im Studium lernt, macht man sich mit anderen Instrumenten erst dann vertraut, wenn sie gebraucht werden; Schlagzeuger:innen müssen tüfteln und improvisieren können. Und sie helfen sich gegenseitig mit Spezialkenntnissen, von deren Existenz andere Menschen noch nicht einmal wissen. Peter Hartmann etwa fuhr nach Bochum, um sich von einem Kollegen in die Feinheiten des Singende-Säge-Spiels einweisen zu lassen. Normalerweise klemmt man die Singende Säge zwischen den Knien ein und spielt sie dann mit einem Geigenbogen. „Aber diese Partitur lässt einem zu wenig Zeit, sich hinzusetzen. Ich habe mir deshalb eine Halterung gebaut, mit der ich im Stehen spielen kann.“ Markierungen auf dem Sägeblatt helfen beim Aufsuchen der Tonhöhe.

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Wer das mit der Singenden Säge einmal selbst probieren will, sollte dieses Instrument allerdings gerade nicht in einem Baumarkt kaufen. Denn es gibt spezielle Instrumentensägen, die nur einfach gezahnt und damit kaum zum Sägen geeignet sind. Außerdem müssen sie aus rostendem Stahl sein – „rostfrei klingt nicht“. Sicher waren auch für diese Erkenntnis einige Versuchsreihen notwendig.

Weitere Informationen und Termine der "Gefährlichen Operette" finden Sie hier.

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