[Gem]einsames Gedenken


In Gedenken an Yeliz Arslan, Bahide Arslan und Ayşe Yılmaz, die bei einem von Rechtsextremist:innen verübten Brandanschlag am 23. November 1992 ermordet wurden und in Solidarität mit den Hinterbliebenen, ihren Angehörigen, den Opfern und den Überlebenden des Möllner Mordanschlags sowie allen weiteren bundesweiten Opferfamilien rechter Gewalt:

1992. Hunderte Schreiben gehen bei der Stadt Mölln ein. Briefe, verschickt von Bürger:innen dieses Landes. Verfasst für und an die Opfer des rassistischen Brandanschlags in der Mühlenstraße und Ratzeburgerstraße der Stadt Mölln. Zuschriften, die die Stadtverwaltung einbehält und archiviert, statt sie den adressierten Überlebenden zukommen zu lassen. Den Betroffenen wird die Existenz dieser Briefe verschwiegen. Erst Jahrzehnte später erfahren die Familien, Yılmaz und Arslan, durch einen Zufall von der an sie gerichteten Post: eine Studentin wird im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit auf die Ordner im Stadtarchiv mit den gesammelten Solidaritäts- und Beileidsbekundungen aufmerksam. Sie informiert die Betroffenen. Erst auf Druck der Familien, insbesondere İbrahim Arslan, Opfer und Überlebender des Möllner Brandanschlags, händigt die Stadt widerwillig die Briefe an ihre Adressat:innen aus. Erst jetzt haben die Betroffenen die Möglichkeit jene Zeilen zu lesen, die ihnen vor knapp drei Jahrzehnten hätten Kraft geben können: Worte des Bedauerns, der Solidarität, der Anteilnahme. Verfasst an sie. Versendet an sie. Verheimlicht von der Stadt Mölln. İbrahim Arslan nennt diese Handhabe als «zweiten Anschlag«, den zwar nicht die rechtsextremistischen Brandstifter, aber «die Stadt Mölln auf sie verübt hat.« Ein Politikum. Auf mehreren Ebenen. Denn selbst konkrete Geldspenden und Hilfsangebote, wie beispielsweise von Architekt:innen die auf Postwegen den Hinterbliebenen ihre fachliche Expertise zur Unterstützung bereitstellten, erreichten die Überlebenden der Familie Arslan und Yılmaz nicht. Stattdessen stellte die Stadt Mölln den Betroffenen die Wahl entweder in eine Geflüchtetenunterkunft zu ziehen oder in das Brandhaus zurückzukehren. Doch nicht nur das Zuteilwerden der verschriftlichten Anteilnahme aus der Mitte der Gesellschaft wurde mit dem Zurückhalten der Zuschriften verhindert, auch bedeutsame Bündnisanfragen von weiteren Betroffenen rechtsextremistischer Gewalt, wie der Lagergemeinschaft Ravensbrück, die als Überlebende der Shoa, auf Briefwegen den Wunsch nach Vernetzung mit den Möllner Familien formulierten, wurden durch das städtische Einbehalten der Briefe unmöglich gemacht. Die Stadtverwaltung begründet heute, 30 Jahre danach, diese Handhabe damit, dass »die an die Familien versendeten Briefe einen geschichtlichen Wert hätten und aus diesem Grund archiviert worden wären. Die Familien hätten nie gefragt, ob diese Briefe existieren, sonst hätte man sie ihnen selbstverständlich übergeben.« Wie allerdings Betroffene nach etwas fragen sollen, wovon sie nichts wissen, bleibt hierbei institutionell unbeachtet. Auch bei der Planung der jährlich veranstalteten Gedenkveranstaltung in Mölln bezieht die Stadt - ähnlich wie beim institutionellen Umgang mit den Familien aus dem jüngsten rassistisch motivierten Anschlag in Hanau - die betroffenen Möllner Familien Arslan und Yılmaz nicht ein. Eine Kontinuität im Umgang mit Betroffenen rassistischer Gewalt, die sich auch bei Gedenkveranstaltungen in München zum rassistischen Anschlag am Olympiaeinkaufszentrum zeigt. Deswegen veranstalten die Familien, losgelöst von institutioneller Bevormundung, ein selbstorganisiertes und selbstbestimmtes Gedenken. So auch die Familie Arslan und Yılmaz. Sie leisten mit der „Möllner Rede im Exil“, einer emanzipierten Gedenkfeier in Eigeninitiative der Opferfamilien, die jedes Jahr in einer anderen Stadt stattfindet, unabhängige und wertvolle Arbeit, die dringend notwendig scheint, wie u.a die gesellschaftliche, mediale und institutionelle Täter-Opfer-Umkehr in rassistisch motivierten Fällen zeigt. Auch 30 Jahre danach gibt es bis heute Stimmen aus der Gesellschaft, die, trotz der stetigen Aufklärungsarbeit der Familien, im Irrglauben sind, die Familien wären selbst für ihr Leid verantwortlich: sie wären Täter, nicht Opfer. Eine weitere Kontinuität im Umgang mit Betroffenen rassistischer Gewalt, wie die Historie dieses Landes zeigt. Ähnlich wie bei den bundesweiten Morden des NSU, wurde vor allem von Behörden und Medien die rassistische Ideologie fortgeführt, die Täter des Möllner Brandanschlags könnten aus den Kreisen der betroffenen Familien Yılmaz und Arslan selbst stammen (und das obwohl die Brandstifter:innen in der Tatnacht die Polizei kontaktierten, sich zu den Anschlägen bekannten und den Anruf mit dem Hitlergruß beendeten). Umso wichtiger wäre es gewesen, dass die Solidaritätsbriefe, die damals zu Hunderten für die Familien Arslan und Yılmaz verfasst wurden, ihre Adressat:innen auch erreichen. Es ist fatal, dass erst nach 27 jahrelanger Enteignung, diese Zuschriften ihre wahren Besitzer:innen fanden. Das Verschleppen dieses gesellschaftlichen Schulterschlusses, ein nicht wiedergutzumachendes Versäumnis.

In Absprache mit den Familien laden wir Sie als Gießener Stadtgesellschaft anlässlich des 30. Jahrestages des rassistischen Brandanschlages von Mölln dazu ein, Briefe zu verfassen, die wir eigenständig den Familien, diesmal ohne Verzug, zukommen lassen werden. Die möglichen Zuschriften sind nicht nur auf die Familien Yılmaz und Arslan begrenzt. Der Möllner Brandanschlag ist nur ein Glied einer langen rechten sowie rassistischen Gewaltkette in der Bundesrepublik Deutschland. Sie können mit Einverständnis weiterer Opferfamilien wählen, wem Sie schreiben möchten:


an die Familien Arslan und Yılmaz
Yeliz Arslan (10), Bahide Arslan (51) und Ayşe Yılmaz (14) ermordet am 23. November 1992 bei einem rassistischen Brandanschlag in Mölln durch Rechtsextremist:innen

an die Familie Genç
Gürsün İnce (26), Hatice Genç (18), Gülüstan Öztürk (12), Hülya Genç (9), Saime Genç (4) ermordet am 29. Mai 1993 in Solingen bei einem rassistischen Brandanschlag durch Rechtsextremist:innen

an die Familie Leyla
Can Leyla (14), ermordet am 22. Juli 2016 bei einem rassistischen Attentat am Olympia Einkaufszentrum in München durch einen rechtsextremen Schützen

an die Familie Bilir-Meier
Semra Ertan (25), verbrannte sich selbst am 26. Mai 1982 öffentlich in Hamburg aus Protest gegen Rassismus in Deutschland

an die Familie Dener
Halim Dener (16), kurdischer Geflüchteter, Opfer deutscher Polizeigewalt, am 30. Juni 1994 erschossen in Hannover von einem SEK - Polizeibeamten

an die Familie Kollmann
die Familie Kollmann verlor aufgrund der rassistischen und antiziganistischen Ideologie der Nazi-Vernichtungspolitik sieben Familienangehörige im Vernichtungslager in Ausschwitz, Freund:innen bei dem rassistischen und antisemitischen Olympiaattentat am 05. September 1972 und Guiliano Josef Kollmann (19) beim rassistischen Anschlag am Olympiaeinkaufszentrum am 22. Juli 2016


Wir möchten gemeinsam mit Ihnen die Erinnerung wach halten.
Wir möchten erinnern.

Uns und andere.
Wir möchten Gedenken, an die nicht mehr unter uns Weilenden.
Und wir möchten uns solidarisieren mit den Überlebenden.
Gedenken an das Geschehene. An das Vergessene.
An das Verschwiegene. An die, die fehlen.
Erinnern an die Ermordeten. An die Überlebenden.
An die Versäumnisse.

Wie kann Erinnerung möglich gemacht werden?
Was bedeutet es zu gedenken?
Was bedeutet Solidarität?
Wie muss Erinnern aussehen?
Wer bestimmt Erinnerung?
Wie das Unsagbare ausdrücken?
Was bedeutet es Trauer zu halten?
Wie Trauer aushalten?
Wer muss zu Worte kommen?
Wieviel Kraft braucht es Anderen beizustehen?
Wieviel Kraft braucht es sich selbst als Betroffene:r zu ermächtigen?
Wie ist es möglich Lebensgeschichten und Verletzlichkeiten über Raum und Zeit hinweg zu verbinden? Wie kann solch eine Verbindung aussehen?
Welche Erzählungen gilt es zu verändern? Wie können wir darin beharrlich bleiben?
Welche Stimmen müssen wir verstärken? Welche überhören?
Wer erzählt?
Wer hört zu?
Wer schweigt?
Warum?
Wann wird schweigen akzeptiert?
Wem ist es möglich das Schweigen zu durchbrechen?
Wie kann es mehr Platz für diese Geschichten geben?
Wie können wir wahrnehmbar öffentliche Räume umgestalten, anders besetzen und beschreiben? Wie können wir Orte der Solidarität, des Austausches, der Trauer, der Wut und der Ermutigung gestalten? Wie können wir viele dieser Orte schaffen?
Wie kann die Herausforderung des Gedenkens nicht nur auf den Betroffenen und den wenigen Verbündeten ruhen? Und wie können wir jene herausfordern, die entscheiden sich nicht zu erinnern?


Diesen Fragen wollen wir als Stadttheater Gießen mit dem JAHR DER ERINNERUNGSKULTUR nachgehen, in dem wir uns dem würdevollen Gedenken an die Opfer von rechter und rassistischer Gewalt widmen. Es ist der Versuch aus dem einsamen Nicht-Vergessen-Können der Überlebenden und Opferfamilien ein gemeinsames Nicht-Vergessen-Dürfen zu machen. Wir möchten Sie herzlich dazu einladen, Teil dieser kollektiven Erinnerungsarbeit zu werden. Hierfür haben wir im Foyer des Großen Hauses einen installativen Zufluchtsraum vorbereitet. Eine Art eigene Dichterklause, in die Sie sich zurückziehen können und die Möglichkeit haben, ganz für sich allein mit Ihren Gedanken zu sein.

Wir haben Tee für Sie vor Ort bereitgestellt. Schenken Sie sich ein Glas ein und nehmen Sie Platz. Bleiben Sie so lange, wie Sie möchten. Dieser Ort gehört Ihnen. Ihr Stift liegt bereit. Sie müssen, sofern Sie schreiben möchten, ihn nur noch zur Hand nehmen.


Idee, Konzept, Umsetzung: Ayşe Güvendiren

Mitarbeit: Theresa Scheitzenhammer

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