Das Eröffnungsprojekt und seine Geschichte

Posthuman Journey“ von Pat To Yan eröffnet am 30. September die Spielzeit im Großen Haus. Simone Sterr über die Geschichte dieser Reise.


Ideen zu haben ist wesentlich für unsere Kunst. Sie sind das, worin wir wirklich frei sind und unabhängig. Sie können verrückt, abwegig, wahnsinnig, utopisch, hybrid, gefährlich, reizvoll sein. Die Geburt einer Idee, sei sie noch so wild und noch so verwegen, ist der zauberhafte, euphorisierende Teil der Theaterarbeit. Am Mangel an Ideen scheitern wir in den wenigsten Fällen. In der Durchführung, der Vermittlung schon eher. Und häufig auch an der eigenen Vernunft, an der Feigheit und an den Grenzen, die wir uns selbst setzen. Die Liste der nicht realisierten Gedankenspiele ist lang. Aber es gibt Ideen, die es doch ins Leben, ins Theater und letztlich vors Publikum schaffen. Obwohl sie verrückt, abwegig, wahnsinnig, utopisch, gefährlich, reizvoll sind. Oder gerade deswegen. Eine solche Idee hatte der Regisseur Thomas Krupa, seit er 2018 den in Honkong lebenden chinesischen Dramatiker Pat To Yan und dessen Vorhaben, eine Trilogie zu schreiben, kennenlernte: alle drei Teile an einem Abend als multimediales Gesamtkunstwerk, als Zusammenspiel von Schauspiel, Tanz und Musiktheater zu realisieren. Vor vier Jahren geboren, hat das Kind nun einen Namen - „Posthuman Journey“ - und eröffnet unsere Zeit am Stadttheater Gießen.

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„Hallo Thomas, heute Abend gilt es in Gießen. Magst Du mir die Daumen drücken? Wenn’s klappt eröffnest Du mit Pat To Yan!!!“. Diese Textnachricht vom 30. Juni 2020 ist der erste Schritt von der Idee zum Projekt „Posthuman Journey“. Es hat geklappt. Ann-Christine Mecke und ich hatten diese Eröffnung in unserer Bewerbung nicht als Hirngespinst angekündigt, um die Auswahlgremien der Findung einer neuen Intendanz zu beeindrucken. Wir meinten das sehr ernst. Jetzt wollen und werden wir Wort halten. Der erste Teil „Eine kurze Chronik des künftigen Chinas“ ist zu diesem Zeitpunkt längst fertig. Pat To Yan hatte ihn 2016 beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens vorgestellt. Als erstes chinesisches Stück in der Geschichte des Stückemarktes überhaupt. Eine wirklich wilde Geschichte über einen „Außenstehenden“, der aus der fernen Zukunft kommend, die Gegenwart einer künftigen Gesellschaft beschreibt und damit das, was uns ganz kurz bevorsteht: Klimakrise, Flucht, Vertreibung, Despotismus. Die Uraufführung war inzwischen vergeben. An das Saarländische Staatstheater Saarbrücken. Kurze Überlegung, ob wir den Text dennoch machen. Natürlich machen wir. Wer mit einem Konzept von zeitgenössischem Autor:innentheater antritt muss nachspielen anstatt nur dem Label Uraufführung hinterherzujagen und somit dem Verglühen von dramatischen Texten am Theaterhimmel Vorschub zu leisten.

Auch den zweiten Teil gibt es bereits. „Eine Posthumane Geschichte“. Es geht um virtuelle Welten, um künstliche Intelligenz, um die rasante Entwicklung der Menschheit. Aufgehoben in einer Familiengeschichte, in deren Zentrum ein Junge steht, dessen Intelligenz sich schwindelerregend schnell entwickelt. Der aber auch genauso schnell altert. Die Evolution und das Ende der Menschheit kommen sich extrem nah. Auch hier ist die Uraufführung bereits in den Händen eines anderen Theaters: dem Schauspiel Frankfurt. Auch hier bedauern wir kurz, bleiben aber dran. Zu richtig scheint uns die Idee, alle drei Teile in einem Projekt zusammenzuführen. Und die verfolgt kein anderes Theater. Auch nicht, als die Aufmerksamkeit für Pat To Yan noch mehr steigt und er Hausautor für die Spielzeit 2021/22 am Nationaltheater Mannheim wird. Dort wird er den dritten Teil, der auf einem fernen Planeten spielen soll, schreiben und in Eigenregie uraufführen.

Thomas Krupa bleibt besessen, begeistert und hartnäckig. Wir versuchen zum Kern dessen vorzudringen, was die Texte ausmacht, was sie uns erzählen. Die Entwicklung der Menschheit, der Weg von uralten Mythen in eine skurrile, hellsichtige Science-Fiction Fantasie. Das Schlagwort einer „modernen Orestie“ fällt. Immer wieder und immer mehr schält sich das Ringen um Demokratie, der Zustand der Gegenwart, in der Nationalismus, Populismus, antidemokratische Strömungen präsent sind, als unser Kernthema heraus. Es ist Herbst 2020. Donald Trump ist noch Präsident der USA. Wladimir Putin hat sein wahres Gesicht zwar noch nicht ganz so deutlich gezeigt, geht seinen Weg der Unterdrückung freiheitlich-demokratischen Potenzials in der Gesellschaft aber strikt voran, die Demokratiebewegung in Hongkong wird brutal verfolgt, in Polen, Ungarn, Tschechien, der Türkei werden Freiheitsrechte eingeschränkt. Täglich merken wir, auch vor der eigenen Haustür, die demokratisch verfasste Gesellschaft ist keine Selbstverständlichkeit, sie ist gefährdet, porös, wir müssen etwas für sie tun, um sie ringen, streiten, kämpfen, die Stimme erheben. Nicht nur mit dem Finger auf totalitäre Systeme zeigen, die weit weg sind.

Das Stück ist also mitten unter uns. Und genau dort soll es auch spielen. Was, wenn wir die eingespielte Situation zwischen Bühnen und Zuchauer:innenraum auflösen, wenn wir einen großen, öffentlichen Platz herstellen, an dem sich Akteur:innen und Publikum begegnen? Was, wenn das Theater zur Straße würde? „Eigentlich machen wir hier ein großes Demokratieprojekt“, sagt Thomas Krupa und weiß noch gar nicht, dass diese Bedeutung immer dringlicher und stärker werden wird. Das Team formiert sich. Der Komponist Hannes Strobl feilt an seinem Klangkonzept. Wie klingt eine Stadt? Er entwickelt einen elektroakustischen Soundtrack, der sich mit puren Live-Erlebnissen mischen soll. Abstrakte, instrumentale und elektronische Klänge verbinden sich gleichberechtigt mit Musical-Elementen, einer Komposition für Streichquartett , elektronischen Beats, Klängen der Natur, einer spätbarocken Arie und zeitgenössischer Chormusik. Eine Herausforderung für alle, auf die sich Generalmusikdirektor Andreas Schüller, Chordirektor Jan Hoffmann, die Mitglieder des Chores und ein aus dem Philharmonischen Orchester gebildetes Streichquartett neugierig und engagiert einlassen werden.

Despotismus und Unterdrückung schreiben sich in Körper ein. Urbanes Leben als Choreografie sich bewegender Individuen im Takt von Wertschöpfung und Ausbeutung. Freiheit und Widerstand als körperlicher Akt. Wir finden Raphael Moussa Hillebrand als den perfekten Choreografen für das Projekt. Er ist in Hongkong geboren, in Mali und Berlin aufgewachsen, er ist Künstler und politischer Aktivist. Sein Blick auf den Text ist ungeheuer wertvoll, seine künstlerische Herkunft von Streetdance und Hip-Hop schafft emotionale, mitreißende, gegenwärtige Momente.
Mit dem Video- und Raumkünstler Stefano die Buedo und der Kostümbildnerin Monika Gora ist ein vertrautes Team beisammen. Die Zusammenarbeit beruht auf der Eigenständigkeit der Beteiligten, auf dem Respekt vor den einzelnen Fachgebieten, ist konsequent kollektiv und arbeitsteilig. Und sie macht sehr viel Freude. Raphael tanzt im Studio von Hannes zu dessen ersten Klängen, während Moni überlegt, welches Kostüm diese Bewegung aushält, Thomas Krupa die Gedankenwelten der einzelnen Trilogieteile entwirft und mit Stefano nach Lösungen für Bilder sucht, die den Zuschauenden in eine zweite Ebene neben der Live-Darstellung entführen. Ein demokratisches Projekt.

Am 24. Februar ist die erste Bauprobe. Am frühen Morgen hat Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine gestartet. Wie nah wir mit diesem Stück an der Realität sind, ist beängstigend. Das „Demokratieprojekt“ findet in der realen Welt statt. Ein Krieg um Demokratie oder Despotismus hat in nächster Nähe begonnen. Die Mitarbeiter:innen der Technik und der Werkstätten reagieren offen und sehr positiv auf das Projekt, seine großen Herausforderungen und seine vielen Unbekannten. Vieles wird probiert, geklärt, es werden Lösungen gefunden. Aber wie werden wir es schaffen, die Stühle auszubauen, damit wir wirklich inmitten der Menschen spielen können? Wie lange wird das dauern? Was bedeutet das für den Betriebsablauf?
Eine zweite Bauprobe wird vereinbart, zu der es gelingen soll, einen Teil der Stühle auszubauen und Erfahrungen damit zu machen. Die gesamte Disposition des Spielzeitbeginns hängt davon ab.

Am 25. Mai 2022 ist es dann soweit. Es wurde einiges geschafft. Der Eindruck eines öffentlichen Platzes ist erkennbar. Ja, es wird klappen, dieses Projekt inmitten der Menschen, für die wir in den nächsten Jahren Theater machen möchten, zu platzieren, sich im Theaterraum bewegen zu lassen, und damit das Zeichen zu setzen: die wichtigen Themen werden im Theater als Herz der Stadtgesellschaft verhandelt. Am Morgen sind die schrecklichen Bilder aus Xinjiang um die Welt gegangen. Wieder wird deutlich, wie nah das Stück an der Realität ist. Freuen können wir uns darüber nicht.

Knapp drei Wochen später und fast zwei Jahre nach unserer per Textnachricht getroffenen Verabredung ist es dann soweit: der erste Probentag. Das gesamte Team und alle Darstellenden sitzen zum größten Teil live auf einer der Probebühnen des Stadttheaters. Auch Pat To Yan ist per Video zugeschaltet. Das Konzept wird vorgestellt, die Musik, die Kostüme, die Ideen zur Choreografie, die Bild, Video- und Filmsequenzen... Es wird erklärt, gefragt, diskutiert, die Texte werden gelesen. Vier Wochen werden wir Vorproben, die ersten Erfahrungen mit den Szenen machen und miteinander. Die Choreografien werden entstehen, die musikalischen Parts einstudiert, Filme werden gedreht, wir werden eine Menge Fragen haben und sehr viel Spaß. Und voller Hoffnung schauen wir auf die Premiere dieses großen Eröffnungsprojekts und die Begegnung mit seinem Publikum.

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