Auf eine Art ein anderer Mensch

Seit November 2022 arbeiten neun junge Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren zum Thema Gruppenzwang und rechte Gewalt. Das Ziel des Workshops ist Grundlagenarbeit in Improvisation, Sprache und Bewegung. Die Teilnehmer:innen beschäftigen sich dabei mit der Rolle des Einzelnen innerhalb einer Gruppe, der Identität von Gruppen und wie deren Verhalten zu rechter Gewalt neigt. Hier geben fünf Spielerinnen Einblicke in ihre Arbeit beim Workshop des Jungen Theaters.

Hallo, ich bin Mathilde, ich leite den Workshop zu „Kriegerin“ als produktionsbegleitenden Spielclub. Stellt ihr euch auch einmal vor?

ROMY: Hi, ich bin Romy, 21 Jahre alt, Filmschauspielerin und Studentin.

LISA: Mein Name ist Lisa, ich bin 20 Jahre alt und Studentin. Mich begeistern Farben und Worte und ganz aktuell das Spannungsfeld zwischen Ordnung/Organisation und Chaos.

ZEYNEP: Mein Name ist Zeynep, ich bin 24 Jahre alt. Ich möchte die Welt verbessern.

KATJA: Ich bin Katja, 22 Jahre alt und studiere Erziehungswissenschaften an der JLU.

LISA-MARIE: Lisa, 20, ich mache ein FSJ am Stadttheater Gießen.

Warum hast du dich für den Workshop angemeldet?

ROMY: Ich wollte gerne bei einem neuen Theaterprojekt mitmachen und das Thema von „Kriegerin“ hat mich angesprochen.

ZEYNEP: Auf der Suche nach meinem nächsten Theaterbesuch bin ich auf „Aufrufe“ gestoßen, die Beschreibung zum Workshop und der Name haben mich dazu verleitet, mich sofort anzumelden.

LISA: Ich fand es spannend, mich intensiver und über das Medium Theater mit dem Thema Rassismus und Gruppenzwang zu beschäftigen. Außerdem bin ich neu in Gießen und wollte Theater spielen.

KATJA: Ich habe mich angemeldet, weil ich schon länger mal etwas machen wollte, was mit Theater spielen zu tun hat, und weil ich das Thema interessant finde.

Habt ihr schon Theatererfahrung?

LISA: Ich habe in meiner Heimatstadt in verschiedenen Ensembles mitgewirkt, unter anderem studentischen Theatergruppen, Jugendclubs oder szenischen Installationen zu verschiedenen Anlässen. Mit anderen zu spielen finde ich immer wieder interessant. Es ist schön, mit neuen Menschen, neuen Gedanken und Haltungen in Kontakt zu kommen.

KATJA: Meine Theatererfahrung beschränkt sich im Grunde auf die Teilnahme an kirchlichen Krippenspielen bei denen ich als Jugendliche immer mitgemacht habe. Das Spielen bei dem Workshop ist aber ganz anders, weil es hier keinen vorgegebenen Text gibt, sondern wir eben immer improvisieren und die Szenen spontan entstehen. Es macht sehr viel Spaß und erfordert viel mehr eigene Kreativität und Spontaneität.

LISA-MARIE: Ich habe in der Schule und auch in Kursen Theater gespielt. Es ist jedes Mal wieder spannend, eine neue Gruppe kennenzulernen.

Was interessiert euch an dem Thema der Produktion „Kriegerin“?

ZEYNEP: Um den Feind zu besiegen, ist es hilfreich, den Feind zu verstehen.

LISA-MARIE: Auf das Stück bin ich aufmerksam geworden, da es rechte Gewalt aus der Perspektive von Täterinnen behandelt. Rechte Gewalt hat viele Aspekte und es ist wichtig, sich mit allen auseinanderzusetzen.

ROMY: Es ist etwas, das ich theatralisch noch nie behandelt habe und es passt leider wieder sehr gut in unsere Zeit, in der die NS-Zeit für immer mehr Menschen so verjährt, dass sie gar nicht mehr als etwas so Schreckliches angesehen wird, wie sie war. Es herrscht so viel Unzufriedenheit im Land, dass sich immer mehr Menschen aus Frust rechts orientieren.

LISA: Ich finde Gruppendynamik und Gruppenzwang sehr spannend und ebenso den Austausch darüber, wie andere junge Menschen sich damit auseinandersetzen. Ich bin daran interessiert, gemeinsam darüber nachzudenken, neue Zugänge zu finden und tiefer über eigene Gedankenstrukturen zu reflektieren.

Was macht ihr in diesem Workshop, was kann man sich so vorstellen, wie das abläuft?

LISA: Wir treffen uns immer montags am Nachmittag und starten mit Aufwärmübungen oder beschäftigen uns mit unserem Körper- und Raumgefühl, indem wir uns beispielsweise in verschiedenen Geschwindigkeitsstufen durch den Raum bewegen.

ROMY: Zuerst wärmen wir uns auf, laufen viel durch den Raum, achten darauf, wie wir welche Bewegungen machen und wie diese auf andere wirken können. Dann wärmen wir unsere Stimme auf, mit typischen Übungen aus dem Gesangsunterricht und vom Sprechtraining.

KATJA: Wir machen viele verschiedene Theaterübungen mit Bewegungen und Stimme.

LISA: Oder wir spielen Impulsspiele, in denen wir verschiedene Impulse im Kreis weitergeben. Später gehen wir dann mehr in Improvisationsspiele über, in denen wir mit festeren Rollen arbeiten, die wir selbst konstruieren und kommen ins Gespräch darüber.

Bei „Kriegerin“ geht es natürlich auch um Schwarmverhalten und die Bewegung einer geschlossenen Masse. Was ist gefährlich an sehr engen Gruppen?

ROMY: Alle kennen sich gegenseitig. Wenn man etwas tut, was nicht reinpasst, wissen alle sofort Bescheid. Außerdem fühlt man sich oft zuerst wohl in solchen kleinen Gruppen. Ein Teil von etwas Großem. Das klingt fantastisch. Doch leider kommt es dann oft so, dass man Dinge tut, die man gar nicht tun wollte, sich keinem öffnen kann, um darüber zu sprechen. Aus der Gruppe kommt man dann schlecht raus. Man hat Angst und fühlt sich gefangen.

ZEYNEP: Gefährlich ist, dass man verlernen könnte, selbst zu denken oder überhaupt zu denken.

Man könnte zu Handlungen und Denkweisen animiert werden, die man von einem allgemein menschlichen beziehungsweise allgemein moralischen Standpunkt, außerhalb dieser Gruppe, anders betrachten, bewerten und dementsprechend anders handeln und denken würde.

KATJA: Menschen können zu Sachen beeinflusst oder gezwungen werden die sie eigentlich gar nicht wollen oder die vielleicht sogar gefährlich oder illegal sind. Wenn die Gruppe eine starke Meinung zu etwas hat, entwickelt sich daraus eine eigene Dynamik. Es kann sein, dass dann alle Gruppenmitglieder dieser Meinung folgen, ohne zu hinterfragen ob diese wirklich sinnvoll ist.

Und was sind Vorteile?

LISA: Man ist nicht allein oder einsam. Es gibt Unterstützung und im besten Fall Austausch. Es gibt immer irgendwie Hilfe und Gemeinschaft. Der Mensch versucht verstanden zu werden, glaube ich, und in einer Peer Group mit ähnlichen Interessen und Gedankengut scheint dieses Verständnis gleich gegeben zu sein.

KATJA: Gruppen können ihren Mitgliedern Schutz und Halt bieten. Oder auch eine Gemeinschaft sein, in der man einander vertraut und enge Sozialkontakte knüpfen kann. Gruppen können Gruppenmitglieder gegen Außenstehende verteidigen. Außerdem können sie Menschen unter Umständen eine Identität bieten, indem sich das Gruppenmitglied als Teil dieser Gruppe definiert.


Die Spieler:innen des Workshops „Kriegerin“ werden auf der Bühne im Kleinen Haus zu sehen sein, wo sie die Produktion „Kriegerin“ spielkräftig unterstützen. Die Premiere ist am 11. Februar 2023. Im Workshop arbeiten sie kontinuierlich wöchentlich weiter. Dort entsteht eine Eigenarbeit, in der sie die Ergebnisse der spielerischen Versuche und die Charaktere, die sie selbst entwickelt haben, zeigen können.

Wenn ihr auch an Workshops teilnehmen wollt, meldet euch einfach unter junges.theater@stadttheater-giessen.de. Wir entwickeln laufend neue Formate und Einsteigen ist an vielen Stellen möglich.


Ihr seid – wie die Protagonist:innen von „Kriegerin“ – in der rechten Szene und wollt raus?

Hier gibt es Beratung und Hilfe:


HOW TO GET RID OF RECHTE SCHMIEREREIEN

In deinem Umfeld sind dir Neonazi-Parolen, Aufkleber rechter Parteien oder Hakenkreuze aufgefallen? Das kannst du tun:

1. Informiere dich! Die Fachstelle für Demokratie und Toleranz vom Landkreis Gießen zum Beispiel informiert über rechte Rhetorik und stellt Informationen gratis zur Verfügung.

2. Rechtsextreme Propaganda im öffentlichen Raum ist immer eine Form von Raumnahme, gegen die jeder etwas tun sollte. Mach ein Foto, notiere dir Ort und Datum. Melde dich damit bei der Fachstelle.

3. Handelt es sich um verbotene rechtsextreme Symbole, kann eine Anzeige bei der Polizei infrage kommen.

4. Werde selbst aktiv! In vielen Städten gibt es sogenannte „Putzspaziergänge“, dabei werden rechte Schmierereien gemeinsam entfernt. Aber informiert euch vorher gut, denn meist kommen dabei chemische Mittel zum Einsatz und das sollte oft auch besser von eine:r Expert:in gemacht werden.

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